Frauenfeld · 08.07.2026
Wohin mit den Tieren?
Stiftung Tierschutzzentrum Thurgau plant ein kantonales Tierheim
Sommerzeit, Ferienzeit, doch wohin mit Hund oder Katze, wenn man verreist? Die Pfotenvilla in Wigoltingen bietet eine Lösung. Fünf Mitarbeitende kümmern sich dort um Ferienhunde, aber auch um Tiere ohne Besitzer. Das Haus in Wigoltingen ist eine Zwischenlösung, 25 Hunde finden dort Platz.

Was fehlt, ist ein Ort nicht nur für Hunde, sondern auch für beschlagnahmte Katzen, für Schlangen, Vögel, Schildkröten, für all jene Tiere, die kein privater Pensionsplatz aufnimmt. Bislang verteilt sich das auf ein loses Netzwerk aus Vereinen und Privatpersonen im ganzen Kanton. Mühsam, findet die Präsidentin der Stiftung Tierschutzzentrum Thurgau, Lisa Goldinger. Deshalb plant die Stiftung Tierschutzzentrum Thurgau ein kantonales Tierheim: Platz für 500 Tiere, rund um die Uhr geöffnet. Der Standort dafür ist bereits gefunden, im Weiler Bethlehem bei Homburg.
Sieben Katzen sitzen in einer Box und warten. Sie wurden beschlagnahmt, ein Zuhause haben sie keines mehr. Ein paar Kilometer weiter bleibt ein Hund in einer leeren Wohnung zurück. Sein Herrchen musste über Nacht ins Spital, jemand muss sich jetzt um das Tier kümmern. Solche Anrufe erreichen Lisa Goldinger regelmässig. Ein zentrales Tierheim gibt es im Thurgau bislang nicht.
Was den Kanton stattdessen zusammenhält, ist ein loses Geflecht aus Tierschutzvereinen und privaten Anbietern. Die Pfotenvilla in Wigoltingen gehört dazu, ein Ort für Ferienhunde ebenso wie für Tiere ohne Besitzer. Lisa Goldinger steht mitten in diesem Netzwerk. Sie ist Präsidentin der Stiftung Tierschutz im Thurgau, unermüdlich im Einsatz, wie alle sagen, die sie kennen. Rund 500 Katzen und 50 Hunde brauchen laut Goldinger jedes Jahr im Thurgau vorübergehend oder für immer ein Dach über dem Kopf. Reptilien, Vögel und Meerschweinchen kommen da noch nicht einmal dazu.
Acht Vereine, ein Ziel
Genau deshalb haben sich acht Thurgauer Tierschutzorganisationen zur Stiftung Tierschutzzentrum Thurgau zusammengeschlossen. Vorher lagen sie jahrelang im Streit miteinander. Jetzt verfolgen sie ein gemeinsames Ziel: ein kantonales Zentrum für 500 Tiere, rund um die Uhr geöffnet, für Katzen, Hunde, Nager, Igel, Schlangen, Echsen, Vögel und Schildkröten gleichermassen. Fünf Millionen Franken soll der Bau kosten. Die Hälfte davon ist bereits durch Spenden sowie Vereins- und Stiftungsgelder gesichert. «Die Herausforderung ist eher, den geeigneten Ort zu finden», sagt Serge Deville, der bei der Stiftung fürs Fundraising zuständig ist. Drei Jahre lang hat die Stiftung gesucht, rund 200 Objekte wurden geprüft. Keines passte.
Ein Erbe in Bethlehem
Dann kam der Zufall zu Hilfe, oder was Lisa Goldinger als Zufall bezeichnet, was sich aber eher wie eine Fügung anhört. Sie hatte sich ein Grundstück im Weiler Bethlehem angesehen, einem Teil der Gemeinde Homburg, in dem gerade einmal sieben Familien leben. Der Nachbar des Grundstücks kam auf sie zu. Das Nachbargrundstück sei zu klein, meinte er. Beeindruckt vom Projekt bot er sein eigenes Haus an. Der Mann ist schwer erkrankt. Er wird der Stiftung sein Haus vererben. Seit er von dem Projekt weiss, habe ihm das neuen Lebenswillen gegeben, erzählen Goldinger und Deville übereinstimmend. Sein letzter Wille: Tieren ein neues Zuhause geben.
Bellende Hunde, besorgte Nachbarn
Die Stiftung hat inzwischen eine Bauanfrage gestellt, die Gemeinde informiert, die Nachbarn ebenfalls. Eine Lärmschutzstudie wurde in Auftrag gegeben, zwei Infoveranstaltungen fanden bereits statt. Was die Anwohner am meisten beschäftigt: bellende Hunde. Die Akustikstudie kommt zu einem beruhigenden Ergebnis. Selbst wenn ein Hund im Freien belle, sei das in den Nachbarhäusern etwa so laut wie ein normales Gespräch im Nachbargarten. Die Innenräume sind schallisoliert. Es sind maximal acht Hunde in den Ausläufen im Freien. Es hat vier Ausläufe, darin sind die Hunde je nach Verträglichkeit einzeln oder in Gruppen untergebracht, maximal befinden sich acht Hunde gleichzeitig draussen. In den Innenräumen leben sie maximal zu viert in einem Zimmer, erklärt Goldinger. «Eine stabile Gruppe Hunde bellt nicht», sagt sie. Trainiert und erzogen werden die Tiere ohnehin, wie schon in der Pfotenvilla.
Auch eine Primarschule liegt in der Nähe des geplanten Standorts. Das Tierheim soll nicht nur Auffangstation sein, sondern Kompetenzzentrum für Tierschutz, mit Unterricht für Schulklassen und dem Projekt Lesehund, bei dem Kinder Tieren vorlesen und dabei selbst das laute Lesen üben.
Warum es das Zentrum braucht
«Das Netzwerk ist da, aber wir brauchen Platz», bringt es Goldinger auf den Punkt. Die Stiftung ist an Vorschriften gebunden, die private Anbieter allein kaum noch erfüllen können. Ein zentrales Tierheim würde zudem Polizei und Rettungsdienste entlasten, die heute oft selbst einen Platz für ein Tier suchen müssen – mitten in der Nacht, wenn es sein muss.
Die Pfotenvilla als Vorbild
Wie ein solches Zentrum im Alltag aussehen könnte, zeigt sich schon heute in Wigoltingen. Fünf Mitarbeitende kümmern sich dort um das Wohl der Hunde. Seit März ist die Pfotenvilla zur Zwischennutzung dort untergebracht, 25 Hunde finden Platz. «Das Haus soll abgerissen werden», sagt Lisa Goldinger. «Wann, weiss noch niemand.» Bis dahin bleibt auch das Notfallzimmer in Betrieb: Polizei und Rettungsdienst kennen den Code, sie können selbst nachts noch einen Hund vorbeibringen. Ein Modell, das die Stiftung gerne in grösserem Massstab wiederholen würde. Und auch wird, davon ist der Vorstand der Stiftung fest überzeugt. Das Gebäude in Bethlehem werde letzten Endes so oder so für den Tierschutz genutzt, auch wenn das Zentrum wegen Einsprachen nicht an diesem Ort entstehe, sagt Goldinger.
Text und Bild: Elke Reinauer