Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 01.07.2026

Lebensräume entstehen, wenn die Natur zurückkehrt

Biodiversität in Frauenfeld

In Frauenfeld teilen sich Mensch und Natur Lebensräume. Zwischen Wohnquartieren, Flüssen und Naturschutzgebieten wird viel dafür getan, die Biodiversität mit einer Vielfalt an Pflanzen, Tieren und Lebensräumen zu erhalten und zu fördern. Die Frauenfelder Woche hörte sich um. Hier ein kurzer Überblick.

 

 

Schon früh am Morgen summen Wildbienen über blühende Wiesen, Libellen schwirren über kleine Gewässer und Vögel finden in Hecken und alten Bäumen Nahrung und Nistplätze. Solche Lebensräume entstehen nicht zufällig. Die Stadt Frauenfeld pflegt besondere Plätze wie den Lindenpark, den Murgauenpark und viele weitere Standorte. Dadurch konnten sich zahlreiche Tier- und einheimische Pflanzenarten ausbreiten. Mitten im Siedlungsgebiet wird Biodiversität gefördert. Entlang der Murg sollen Grünflächen aufgewertet und besser miteinander vernetzt werden. So entstehen wertvolle Lebensräume und gleichzeitig attraktive Erholungsräume für die Bevölkerung. Grünflächen tragen dazu bei, das Stadtklima zu verbessern und die Folgen heisser Sommer abzumildern. Ali Sinani, der Bereichsleiter Grünpflege und Gewässer erklärt bei einem Rundgang: «Die Stadt Frauenfeld engagiert sich aktiv für einheimische Pflanzen.» Ihn begleitet Anja Hardt, die Projektleiterin Stadtplanung. Sie hebt das natürliche Wachstum des Lindenparks hervor. Der Lindenpark in Frauenfeld leistet durch naturnahe Pflege und den Erhalt seines wertvollen Baumbestandes einen wichtigen Beitrag zur Förderung der städtischen Biodiversität. Die ökologisch gestalteten Grünflächen bieten zahlreichen einheimischen Insekten, Vögeln und Kleintieren wertvolle Lebensräume und Rückzugsorte. Durch die naturnahe Bewirtschaftung der Stadtgärtnerei werden diese Lebensräume erhalten und die Artenvielfalt nachhaltig gefördert.
Ein weiteres Beispiel zeigt Ali Sinani mit dem neu angelegten Steingarten an der Maiholzstrasse in Frauenfeld. Dort wurden bewusst einheimische Pflanzen angesiedelt, Ast- und Steinhaufen angelegt und ein Sandkasten geschaffen. Diese bieten Insekten, Vögeln und Kleintieren Nahrung und Unterschlupf und zeigen Besucherinnen und Besuchern, wie naturnahe Gärten aussehen können. Biodiversität lebt nicht nur von den Massnahmen der Stadtplaner und Behörden. Anja Hardt, die Projektleiterin Stadtplanung sagt: «Ich wünschte mir, dass nebst dem Quartier Ergaten-Talbach weitere Einwohnende ihre Gärten naturnah pflegen möchten.» Solche Aktionen stärken nicht nur die Natur, sondern auch das Bewusstsein der Bevölkerung für den Wert einer vielfältigen Umwelt. Ali Sinanis Wunsch wagt einen Blick in die Zukunft. «Auch in 30 bis 40 Jahren sollen Menschen gerne in der Stadt wohnen.»


Biodiversitätskampagne
Auf Anfrage bei Kristy Keller von Regio Frauenfeld trifft sich deren Fachgruppe zwei- bis dreimal pro Jahr. Dabei tauschen sich die Teilnehmenden zu aktuellen Bau- und Raumplanungsthemen aus, welche die Gemeinden der Region beschäftigen. Keller sagt: «Die Biodiversität war in den vergangenen Jahren ebenfalls ein wichtiges Thema innerhalb der Fachgruppe und wurde im Rahmen der Biodiversitätskampagne behandelt.» Der Fokus lag dabei vor allem auf der Sensibilisierung der Gemeinden, dem Erfahrungsaustausch sowie der Vernetzung zu entsprechenden Fragestellungen und Projekten. Ziel dieser Initiative ist es, die Bedeutung der biologischen Vielfalt in der Region stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und aufzuzeigen, wie jede und jeder zur Förderung der Biodiversität beitragen kann.


Biodiversität im Quartier
Mitten im Frauenfelder Quartier Ergaten-Talbach ist ein kleines Naturparadies entstanden. Der Garten von Sarah Schatzmann zeigt, wie private Grünflächen die Biodiversität fördern können. Viele ihrer Nachbarinnen und Nachbarn tun es ihr gleich. Wo früher Rasenflächen dominierten, wachsen heute heimische Wildblumen, Stauden, Kräuter und Sträucher. Sie bieten Nahrung und Lebensraum für Insekten, Vögel und andere Kleintiere. Besonders während der Blütezeit summt und brummt es zwischen den Beeten. Auch hier wird der Wert auf hiesige Pflanzen und eine naturnahe Gartengestaltung gelegt.
Totholz, Steinstrukturen und Rückzugsorte schaffen zusätzlichen Lebensraum für Tiere. «Jede Person kann sich Gartenwissen aneignen, selbst auf dem Balkon mit Topfpflanzen», sagt Schatzmann weiter. Man tausche sich untereinander aus. Chemische Pflanzschutzmittel werden hier möglichst vermieden, um das ökologische Gleichgewicht zu erhalten. Dieses Engagement geht über das «Gärtnern» hinaus: Im Quartier beteiligen sich selbst Kinder mit Abfallsammelaktionen. So wird das Quartier Ergaten-Talbach zu einem lebendigen Beispiel dafür, wie gemeinschaftliches Handeln die Biodiversität vor der eigenen Haustür stärkt.


Und noch etwas Politik
Mehr tun auf politischer Ebene ging im Jahr 2023 mit einer Einfachen Anfrage der GRÜNE, Grünliberale, Die Mitte und CH an den Stadtrat. Die Lokalpolitiker führten aus, dass sich das Bedürfnis nach Grünräumen in den wachsenden Städten der Schweiz verstärke. Der Wunsch nach einer Zertifizierung «Grünstadt Schweiz» stand im Raum. Es blieb beim Wunsch. Dennoch hat sich in der Zwischenzeit viel getan. Simon Vogel, der Co-Präsident der GRÜNE Thurgau sagt heute: «Es gibt gute Beispiele, wie die Grünflächen beim Spital.» Es gebe jedoch noch Luft nach oben. Gerade in der Innenstadt, etwa beim Bahnhofplatz könnte es noch etwas mehr grün ertragen. Auch aus Sicht des Stadtklimas und der Hitzeentwicklung wären dort mehr Bäume sehr wichtig. Simon Vogel ist überzeugt davon, dass Bäume in Zukunft immer wichtiger werden und es zu beachten sei, dass genügend Platz für den Wurzelbereich geschaffen werde. Beim Regierungsgebäude und weiteren öffentlichen Gebäuden könnten zahlreiche Möglichkeiten, weg vom Kiesplatz entstehen. Abschliessend sagt Simon Vogel: «Aus GRÜNER Sicht lässt sich sicher sagen, dass Frauenfeld aktiv und nicht schlecht aufgestellt ist.» Mehr wäre wünschenswert. Allerdings merkt der Politiker an, dass die Biodiversität leider neben anderen Umweltthemen teilweise immer noch zu wenig Beachtung finde.


Wo Natur auf Stadtgeschichte trifft
Auf den ersten Blick scheint die Altstadt von Frauenfeld vor allem von historischen Gebäuden, belebten Gassen und städtischem Leben geprägt zu sein. Doch wer mit Christian
Beerli, dem Präsidenten des Natur- und Vogelschutzvereins (NVV) Frauenfeld, durch die Altstadt spaziert, entdeckt eine überraschend vielfältige Natur mitten im urbanen Raum. Christian Beerli zeigt bei einem Rundgang nach oben, zum Himmel. An diesem Abend ist Flugwetter, Mauer - und Alpensegler ziehen ihre Kreise. Beerli sagt: «Unter Dachvorsprüngen finden Mauersegler und Schwalben geeignete Nistplätze.» In alten Fassaden gibt es wertvolle Lebensräume für verschiedene Vogelarten. Am Turm der katholischen Stadtkirche brüten auch seit vielen Jahren Dohlen. Der Schutz solcher Gebäudebrüter ist dem Verein seit Jahren ein wichtiges Anliegen. Der Präsident sagt: «Wir haben zusammen mit der Stadt Frauenfeld ein Gebäudebrüterinventar erstellt, um Nistorte zu erfassen und zu erhalten.» Die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Ämtern sei sehr gut. Der NVV hat zum Schutz der Stadttiere dann noch Hecken gepflanzt. So finden Igel und auch mal ein Rotfuchs Unterschlupf.


Wild wachsende Pflanzen
Ebenso auf die zunehmende Anpassungsfähigkeit von Wildtieren in der Stadt geht Beerli ein. Vögel nutzen Bäume entlang von Strassen und Plätzen als Brut- und Ruheorte. Dabei entstünden gelegentlich Konflikte mit Anwohnern, doch die Natur gehöre auch zur Stadt wie ihre historischen Bauten. Beerli plädiert deshalb für ein respektvolles Zusammenleben von Mensch und Tier. Dabei zeigt er auf kleine Öffnungen unter dem Dach am Regierungsgebäude. Dort finden Mauersegler und Sperlinge Zuschlupf. Beerlis Aussagen zur Entwicklung der Saatkrähenpopulation in Frauenfeld zeigen, wie dynamisch sich die Stadtnatur verändern kann. Blumen, Hecken und alte Bäume bieten Nahrung und Schutz für zahlreiche Tierarten. Dies entspricht auch dem Engagement des Vereins für die Förderung der Artenvielfalt in der Region. Und frägt man Christian Beerli nach Tipps für den eigenen Garten, sagt er: «Machen Sie es sich im Liegestuhl bequem und lassen Sie ihren Garten etwas verwildern.» Es klingt ganz einfach. Denn so leisten die Menschen einen wertvollen Beitrag für mehr Biodiversität, in der Stadt und auf dem Land.
Frauenfeld zeigt, dass Naturschutz und Stadtentwicklung kein Widerspruch sein müssen. Mit jeder Blühfläche, jedem Feuchtbiotop und jeder gepflanzten Hecke wächst die Chance, dass seltene Tiere und Pflanzen auch in Zukunft einen Platz in der Stadt finden. Biodiversität ist damit weit mehr als ein Umweltthema, sondern eine Investition in die Lebensqualität der heutigen und zukünftigen Generationen. Es geht um das Bewusstmachen. Bestimmt gibt es auf jedem Spaziergang etwas zu entdecken.  

Text und Bild: Manuela Olgiati


Infobox


Im Einklang mit der Natur
Der Natur- und Vogelschutzverein Frauenfeld mit rund 230 Mitgliedern setzt sich für die Sicherung der biologischen Vielfalt im Raum Frauenfeld ein. Der Verein bietet ein attraktives Jahresprogramm für Erwachsene und Kinder. Mehr Information unter: www.nvvfrauenfeld.ch