Frauenfeld · 01.07.2026
Ein Zeuge der Uesslinger Kirchengeschichte soll heimkehren
Im Jahr 1577 brennt das Kloster Einsiedeln, ein Komet zieht über den Himmel, und Erhard Liechti baut eine Turmuhr für die Kirche Uesslingen. Heute steht das zugehörige Uhrwerk im Museum für Musikautomaten in Seewen, Solothurn. Jetzt soll es heimkehren.

Meinrad Schlatter sitzt auf einer Bank vor seinem Haus. Seit 1973 wohnt er neben der paritätischen Kirche in Uesslingen, ein Zufall, wie er sagt. Er zog nach Uesslingen, als er ein Elektrogeschäft übernahm und aufbaute. 16 Jahre später, 1989, findet einer seiner Monteure beim Umbau der Kirche ein historisches Uhrwerk. Ein wahrer Schatz, wie sich bei genauerer Betrachtung herausstellte. Eingraviert ins Uhrwerk sind die Initialen von Erhard Liechti, Uhrmacher aus Winterthur, und die Jahreszahl 1577. Liechti stammt aus der wohl berühmtesten Uhrmacherdynastie der Schweiz.
Uhrwerk im Fernsehen
Vom Staub befreit, präsentierte die Kirchengemeinde nach dem Fund das Uhrwerk auch für das Schweizer Fernsehen, das 1990 über den Fund berichtete. Meinrad Schlatter war von 1987 bis 1992 Präsident des Katholischen Kirchgemeinderats, und das fiel in die Zeit des Umbaus der paritätischen Kirche Uesslingen 1989/90. Schlatter war damals Vizepräsident der Baukommission. Diese bestand aus jeweils 6 evangelischen und 6 katholischen Mitgliedern, die Kirche wurde aufgeteilt zwischen der evangelischen und katholischen Gemeinde, und so wurden auch die Kosten des Umbaus geteilt. Meinrad Schlatter hat den TV-Beitrag wieder abrufbar gemacht. Dieser ist über einen QR-Code abrufbar. Hier ist zu erfahren, dass 700 bis 1000 Arbeitsstunden in dem Liechti-Uhrwerk stecken. Dieses besteht komplett aus Eisen. Alle Zahnräder sind von Hand gefertigt. Diese mussten nicht nur die Zeiger, sondern auch das Schlagwerk bewegen. Hanfseile trieben es an. Es musste jeden Tag von Hand aufgezogen werden.
«Ich möchte das Uhrwerk zurück nach Uesslingen holen», sagt Meinrad Schlatter und fügt hinzu: «Einige Uesslinger Bewohner würden sich freuen, wenn es nach all den Jahren wieder an den Ursprungsort zurückkehren würde.»
Zu teuer zum Behalten
Das Team des Schweizer Fernsehens hatte sich 1990 auf Spurensuche begeben und die Uhrenfabrik Mäder in Andelfingen besucht. Dort zeigte ein Blick in die Buchhaltung, dass das Uhrwerk 1838 und 1873 bei der Firma repariert wurde. Das Filmteam fand heraus, dass das Liechti-Uhrwerk bis 1938 in Betrieb war. Dann wurde es durch ein mechanisches ersetzt und lag vermutlich bis zu seiner Entdeckung 1989 vergessen auf dem Dachboden der Kirche. Die dazugehörige Uhr war nicht mehr auffindbar.
In der Doku des SRF war die Rede davon, das Uhrwerk eventuell am Dorfplatz auszustellen. Doch es kam anders: «Wir mussten damals sorgfältig mit unseren Finanzen umgehen und gaben es als Leihgabe ins Uhrenmuseum Kellenberger Winterthur», sagt Meinrad Schlatter.
Die Odyssee des Uhrwerks
Die Kirchengemeinde gab das Uhrwerk also als Leihgabe ins Uhrenmuseum Kellenberger Winterthur. Dort besuchte er es: «Ich habe mir das Uhrwerk in der Sammlung angeschaut», sagt er. «Es liess mich nicht los.» Als das Museum in Winterthur schloss, wurde das Uhrwerk, ohne die Kirchgemeinde zu fragen, an die Aussenstelle des Nationalmuseums (Museum für Musikautomaten) in Seewen, Solothurn, weitergegeben. «Das Museum in Winterthur schloss, und ohne die Kirchengemeinde zu fragen, wurde das Uhrwerk einfach nach Seewen, Solothurn, gebracht», erzählt Schlatter. Von diesem Wechsel erfuhr er erst beim Lesen der Festschrift «150 Jahre Paritätische Kirche Uesslingen» von Angelus Hux – das war vor vier Jahren. In seiner Festschrift zum 150-Jahr-Jubiläum der paritätischen Kirche Uesslingen schreibt Angelus Hux: «Das Turmuhrwerk ist der einzige Zeuge der 1872 abgebrochenen Kirche». Denn die ursprüngliche Kirche geht weiter zurück: Sie wurde im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt und vom Kloster Ittingen übernommen. Diese frühere Kirche an diesem Platz wurde 1872 abgebrochen. Das aktuelle Kirchengebäude im klassizistisch-byzantinischen Stil wurde anstelle der alten Kirche erbaut. Das Uhrwerk wurde 1873 im Turm der Kirche montiert. Es befand sich aber schon seit 1577 in Uesslingen.
Ein Besuch im Museum
Als Meinrad Schlatter erfuhr, dass sich das Uhrwerk nun in Solothurn befindet, machte er Nägel mit Köpfen und fuhr eines Morgens ganz früh mit seiner Frau nach Seewen. Dort besichtigten sie das Kleinod im Museum für Musikautomaten. «Ich war enttäuscht, dass eine Hinweistafel über die Leihgabe am Ausstellungsobjekt fehlte», sagt er. Und niemand wusste so recht, etwas über die Bedeutung des Uhrwerks, erzählt er. Für ihn war klar: Das Uhrwerk muss zurück nach Uesslingen. Er nahm Kontakt mit der Museumsleiterin auf und klärt derzeit die Bedingungen, die es braucht, um den Schatz nach Uesslingen zu bringen. Vom Museum in Solothurn bekam er bereits grünes Licht. Dem Leihgeber wird jederzeit das Recht einräumt, das Objekt nach Rücksprache zurückzuziehen, allerdings mit einer Kündigungsfrist von sechs Monaten. Bei einer vorzeitigen Vertragsauflösung zeigt sich das Museum kulant und sichert eine unkomplizierte Lösung zu. Die Transportkosten müssten allerdings selbst übernommen werden und belaufen sich auf 30 000 bis 50 000 Franken. Einen Sponsor, der nicht genannt werden möchte, gibt es bereits dafür. Auch über den Aufstellungsort habe Schlatter sich Gedanken gemacht und mit anderen Kirchenbürgern gesprochen. Im Eingangsbereich des «Chilegmeindehuus» könnte es aufgestellt werden, mit einer Tafel und einem QR-Code zu der Dokumentation des Schweizer Fernsehens über das Uhrwerk. «So können jüngere Generationen ein Stück ihrer Kirchengeschichte kennenlernen», sagt Schlatter. «Es gehört in unsere Kirche», fügt er hinzu.
Kirchengemeinden entscheiden
Ganz allein entscheidet Schlatter die Frage nicht. Für die Rückführung braucht es Zustimmungsbeschlüsse sowohl der katholischen Kirchgemeinde Frauenfeld, zu der Uesslingen kirchlich gehört, als auch der evangelischen Kirchgemeinde Uesslingen. Sein Anliegen hat Schlatter in beiden Gremien bereits vorgetragen. Die evangelische Seite befindet sich derzeit ohnehin im Umbau. Seit 1993 teilen sich die rechtlich eigenständigen Kirchgemeinden Uesslingen und Warth-Weiningen ein gemeinsames Pfarramt mit Sitz an der Breitwies 4 in Warth. Im März 2026 stimmten die Stimmberechtigten beider Gemeinden nach jahrelangen Diskussionen für eine Fusion.
Ab dem 1. Januar 2027 bilden sie eine einzige Kirchgemeinde. Wenn die beiden Kirchengemeinden zustimmen, ist der Weg frei. Dann kehrt ein alter Zeuge der Uesslinger Kirchengeschichte nach Hause zurück.
Text: Elke Reinauer
Bild: zvg