Frauenfeld · 06.05.2026
Daniel Rickenbach: Die Figuren stecken schon im Baum
Daniel Rickenbach öffnet die Tür zu seiner Werkstatt in Amlikon-Bissegg. Er trägt Arbeitskleidung und bittet den Besucher mit einem Lächeln herein. Wer ihn besucht, merkt schnell: Dieser Mann lacht gern. Und seine Holzfiguren lachen ein bisschen mit.

Da ist zum Beispiel die Heugabel, die zur Fonduegabel aufgestiegen ist. Oder der Oktopus mit dem Verband an einem seiner Arme. «Ich hatte einfach keine Lust mehr mit den Saugnäpfen weiterzumachen und hab ihm kurzerhand einen Verband verpasst», sagt er. Aber es gibt auch Figuren, die zum Nachdenken anregen, etwa eine Weltkugel, die in einem Schraubstock eingeklemmt ist. «Das ist alles aus einem Stück Baum», sagt er. Das sei ihm wichtig. Er betrachtet einen Baum, und daraus ergibt sich die Figur.
Der Baum gibt die Form vor
Daniel Rickenbach wuchs auf einem Bauernhof auf und ist gelernter Maschinenbauingenieur. 2018 kam ihm die Idee, als er mit seiner Frau einen Weg mit hundert Holzfiguren entlanglief und begann, die Skulpturen zu fotografieren. Heute schnitzt er selbst. Mit der Kettensäge geschieht die grobe Bearbeitung, den Rest erledigt das Schnitzmesser. Die fertigen Figuren werden zum Teil mit Beize gefärbt und mit Leinöl angestrichen. Das Holz ist dabei immer ungetrocknet; frisch gesägte Stämme oder Äste, die sich noch formen lassen. Gerade arbeitet er an einer Skulptur am Stählibuck in Thundorf. «Mein Bruder ist Förster und stellte mir den Baum zur Verfügung.» Der Baum war vom Borkenkäfer befallen und wurde nicht gefällt, sondern von Daniel Rickenbach gestaltet. Viele Spaziergänger blieben stehen, wollten wissen, ob die Figur einen Namen hat. Andere tauschten ihre Gedanken dazu aus, dass die Frau unten steht und stützt.
Das Fotoshooting gehört dazu
Das Fotografieren der Figuren ist fester Bestandteil seiner Arbeit. «Ich mache mit meinen Figuren ein Fotoshooting.» So ging er zum Beispiel mit dem Storch in den Kreissaal. «Morgens um fünf rief das Spital an und sagte, der Kreissaal sei gerade frei, ich könnte jetzt kommen.» Mit dem Oktopus zog es ihn an einen See, im Winter, bei Kälte. «Eine Frau kam gerade vom Baden aus dem Wasser, und ich ging mit meinem Oktopus am Ufer entlang auf der Suche nach einem guten Platz zum Fotografieren.» Es sind diese Begegnungen, die ihn faszinieren.
Und auch die Vergänglichkeit seiner Figuren: «Sie halten nicht ewig. Das müssen die Menschen, die sie kaufen, wissen.» Da es Holz ist, werden die Figuren in einigen Jahren feucht, morsch und irgendwann wieder zu Erde. So gehen sie in den Kreislauf des Lebens über, weiss er.
Früher war Daniel Rickenbach als Maschinenbauingenieur angestellt. Heute widmet er sich ganz der Holzbildhauerei, arbeitet noch einen Tag pro Woche als Maschinenbauer und auf einem Bauernhof. «Ohne meine Frau, die Vollzeit arbeitet, könnte ich das nicht machen», sagt er. Und es klingt nach Dankbarkeit, nicht nach Entschuldigung. Seine Überzeugung bringt er auf einen Nenner: «Die Figuren stecken ja schon im Baum drin. Ich befreie sie nur.»
Text und Bild: Elke Reinauer