Frauenfeld · 15.04.2026
«Oft reicht schon ein Gespräch»
«D’Herberg» in Frauenfeld: der Ort für eine Auszeit
Ein typischer Morgen in «d’Herberg» in Frauenfeld: Gerade fand die Morgenmeditation statt. Esther Bühler-Weidmann unterhält sich noch mit einer Teilnehmerin. Währenddessen bereitet ihr Partner Paul Horber Kaffee in der Küche zu.

Draussen zwitschern die Vögel, ein Kirschbaum blüht im Vorgarten und die Sonne lässt die Räume hell erscheinen. Willkommen in «d’Herberg», einem Ort für eine Aus- und Ruhezeit. Hier beginnt der Tag in aller Stille. Oder auch ohne Meditation, ganz wie man möchte. «Wenn man einmal weg von daheim will. Vielleicht muss eine Entscheidung gefällt werden, oder man steckt in einer Krise und braucht Abstand.» Es ist ein Ort für Menschen, die zwischen zwei Jobs stehen, sich entscheiden müssen oder gerade einen geliebten Menschen verloren haben oder in einer Beziehung feststecken, die ihnen schon lange nicht mehr guttut. In «d’Herberg» finden Gäste Ruhe, können Kraft tanken und sind nicht allein: «Das ist wichtig. Wir hatten einmal einen Gast, der sich in einer schwierigen Beziehungssituation befand und sich zuerst ein Hotelzimmer genommen hatte. Er meinte, da wäre er so einsam gewesen», sagt Esther. Sie und Paul betreiben «d’Herberg» in der Bahnhofstrasse 45 in Frauenfeld, einer ehemaligen Hausarztpraxis. Im Haus nebenan wohnen die beiden, haben also einen kurzen Weg in «d’Herberg».
Die Idee für d’Herberg hatte Esther schon lange. Ein offenes Haus, aber keine Klinik und keine Notunterkunft – eine Art Dazwischen. Die Theologin arbeitete lange als Asylseelsorgerin, teilte sich eine Pfarrstelle mit ihrem Mann und wohnte in einem Pfarrhaus. 2022 startete sie das Pilotprojekt, damals noch in ihrem Haus in Embrach.
Das Gästezimmer befand sich direkt in ihrer Wohnung. Das hatte Vor- und auch Nachteile: «Es ist besser, Wohn- und Gästeraum zu entflechten», sagt sie. Paul begeisterte sich für Esthers Idee. Sie begaben sich auf die Suche nach einem geeigneten Haus, und fanden dieses in Frauenfeld. «Ein offenes Haus war mir nicht fremd», sagt er. «D’Herberg» ist ein solches offenes Haus, allerdings braucht es eine Anmeldung. In der Herberge sind Menschen nicht allein: Abends kocht Paul, und es wird zusammen gegessen. Esther bietet Beratung an. »Wichtig ist, wir klären in einem Gespräch vorher ab: Was braucht die Person gerade? Ist es der richtige Ort?», erklärt sie. «Wir sehen uns als Freunde auf Zeit», fügt Paul an. Esther konnte selbst erfahren, wie heilsam Stille wirkt, wie klärend und reinigend diese ist, wenn sie sich im Kloster aufhält.
Brüche im Leben
Beide kennen Brüche aus eigener Erfahrung. Paul verlor seine Frau, als sie krank wurde. Esther verlor ihren Mann, als dieser 51 Jahre alt war. Es sind diese Erfahrungen, die sie antreiben. «Manchmal muss man einfach etwas aushalten, und dafür möchte ich den Raum offenhalten, gestalten und Menschen begleiten», sagt Esther. Paul formuliert es so: «Ich möchte etwas Sinnstiftendes machen, Menschen unterstützen, solange ich es kann.»
Beide sind fest verwurzelt im christlichen Glauben, aber «d’Herberg» steht allen offen. Wer nicht an Gott glaubt, ist ebenso willkommen wie Gläubige. «Ich möchte mit meiner Lebenserfahrung helfen», sagt Esther. Sie möchte Menschen das Vertrauen geben, dass sich Schmerz wieder in Lebenskraft verwandeln kann. «Ich habe gerne Menschen und ich bin gerne mit ihnen unterwegs.»
Die Rückmeldungen geben ihr recht. Ein Gast sagte einmal am Ende seines Aufenthalts: «Ihr habt mir mehr Halt gegeben, als ihr wisst.» Eine Frau, die aus dem Spital kam und noch nicht nach Hause wollte, fand in «d’Herberg» die Kraft, sich zu fragen: Wie geht es jetzt weiter?
Die Räume und Kosten
Die ehemalige Arztpraxis bietet drei Schlafzimmer, eine grosse Küche mit einem langen Tisch, einen Beratungsraum, ein Wohnzimmer und einen Meditationsraum mit Blick in den Garten. Im Sommer wird dieser gerne genutzt. Oft geht Esther auch mit den Gästen spazieren.
Die Übernachtung und Beratung in der Herberge ist nicht kostenfrei. So kostet zum Beispiel eine Übernachtung 100 bis 130 Franken. Aber beiden ist wichtig: Am Geld soll es nicht scheitern. «Wir arbeiten nach dem Grundsatz, dass die Menschen, das zahlen, was ihnen möglich ist.» «D’Herberg» finanziert sich zu einem Drittel aus Einnahmen der Übernachtungen und zu zwei Dritteln aus Spenden von Privatleuten und Stiftungen. «Wir schaffen ehrenamtlich», sagt Paul. Viele kommen für Gespräche, zur Morgenmeditation oder auch als Tagesgäste. Ein Freundeskreis wurde gegründet, fünf sind inzwischen dabei. «Wir freuen uns, wenn sich Ehrenamtliche einbringen wollen ob in der Beratung, im Kochen, in der Administration oder im Bereich Werbung und soziale Medien», so Esther. «D’Herberg» ist ein gemeinnütziger Verein, Spenden und freiwillige Helfer sind immer willkommen, sagen die beiden. Wer helfen möchte, darf gerne Kontakt über die Webseite aufnehmen:
www.dherberg.ch
So klar sich Esther und Paul in dem sind, was sie anbieten, so klar sind sie in dem, was «d’Herberg» nicht ist: kein Gästehaus mit Vollpension, keine Notunterkunft und auch kein Betreutes Wohnen.
Aber: Freunde auf Zeit. Freunde, die sich Zeit nehmen, zuhören, für den anderen da sind. «Oft hilft einfach nur ein Gespräch», sagt Esther. Ein Gespräch, das Halt gibt, das zeigt: Ich sehe dich, ich bin für dich da. Und manchmal reicht genau das.
Text und Bild: Elke Reinauer