Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 08.04.2026

«Wir brauchen Planungssicherheit»

Verkehrskonzept Frauenfeld Ost, Umfrage im Gewerbe

Mit dem Verkehrskonzept Frauenfeld Ost wollen der Kanton Thurgau, die Stadt Frauenfeld und das Bundesamt für Strassen (Astra) die Verkehrssituation zwischen dem Autobahnanschluss Ost und der Zürcher-/Bahnhofstrasse verbessern. Landeigentümer und das Gewerbe wehren sich. Insgesamt gingen rund zwei Dutzend Einsprachen ein.

 

 

Anfang Januar hatten Vertreter von der Stadt Frauenfeld, Regierung und Astra über die Planauflage zum Verkehrskonzept Frauenfeld Ost informiert (Wir berichteten in der Ausgabe vom 14. Januar, S. 4). Der Osten von Frauenfeld ist stark vom Verkehr belastet. Der Regierungsrat informierte, dass die wichtigste Einfallsachse, die Zürcherstrasse Ost, nach über 30 Jahren am Ende ihres Lebenszyklus angelangt ist. Eine Sanierung dränge sich auf. Gleichzeitig brauche es in Frauenfeld Ost eine gesamthafte Verkehrsverbesserung, inklusive Massnahmen für den öffentlichen Verkehr, Fussgängerinnen und Fussgänger sowie Velofahrerinnen und Velofahrer. Schliesslich geht es noch um die Sanierung von Werkleitungen. Die Projektkosten für das Verkehrskonzept Frauenfeld Ost betragen rund 58,4 Millionen Franken und verteilen sich auf 39,9 Millionen Franken für die Astra, 17,65 Millionen Franken betreffen den Kanton Thurgau und 0.85 Millionen Franken die Stadt Frauenfeld. Die Frauenfelder Woche hörte sich im Langdorf bei betroffenen Landeigentümern und Firmenchefs um.
Das «Verkehrskonzept Frauenfeld Ost» besteht aus fünf aufeinander abgestimmten Projekten.
Der Frauenfelder EVP-Gemeinderat Roland Wyss fordert vom Stadtrat in einem politischen Vorstoss Antworten auf mehrere Fragen. Zudem ist Roland Wyss Vorstandsmitglied in der Institution Adler. Das sozialpsychiatrische und forensische Kompetenz- und Dienstleistungszentrum Adler liegt zentral an der Bahnhofstrasse. Während den Bauarbeiten denkt jeder zuerst an komplizierte Umwege mit Änderungen im Verkehrsregime und Umleitungen. Hinzu kommt der Baustellenlärm. Gerade für betreute Personen, die im Wohnheim leben, kann das Stress und Unsicherheit bedeuten. Dies ist allerdings nicht die einzige Beeinträchtigung für den Adler. Roland Wyss sagt: «Mit dem Projekt würden auch Parkplätze entfallen und die Strasse verschiebt sich noch näher zur Liegenschaft.» Im März 2024 fand eine erste Kontaktaufnahme durch die Ämter und Planer vor Ort statt. «Ohne weitere Gespräche, geschweige denn Verhandlungen wurde Anfang Jahr mit der Auflage des Projekts die Enteignung verfügt», sagt Wyss. Dies verursachte den betroffenen Grundeigentümer eine hohe Mehrbelastung, da Einsprachen gegen das Projekt sowie die Enteignung eingereicht werden mussten. Und diese Zeit fehlt dann beim Tagesgeschäft. Es liegt auf der Hand, dass der Politiker die beste Lösung für die Landeigentümer, das Gewerbe im Langdorf und die Bevölkerung in der Kantonshauptstadt erreichen möchte. Seitens Adler, aber auch als Politiker störe ihn primär das Vorgehen von Kanton und Stadt was die fehlende Kommunikation angeht. Zudem wolle man im Osten ein Problem zu Lasten der Grundeigentümerinnen und Gewerbler «verbessern», verschiebt dies aber nur einige Meter weiter ins Zentrum. Es sei schade, dass ein solches Projekt ohne die Betroffenen entwickelt wurde.
Gemäss Roland Wyss fehlen wichtige Informationen von Seiten Kanton und der Stadt. Mit seiner Einfachen Anfrage hat Gemeinderat Roland Wyss vier Fragen an den Stadtrat eingereicht. Einerseits fragt er an: «Wie sich der Stadtrat zum Vorgehen stellt, bereits bei der Bauauflage Enteignungen einzuleiten?» «Wo bleibt die versprochene Unterstützung für die Betroffenen seitens der Stadt?», fragt Gemeinderat Roland Wyss weiter. Ebenfalls möchte er wissen, ob dieses Vorgehen zukünftig auch bei städtischen Projekten zu erwarten wäre. Eine Antwort erwartet der Gemeinderat auch auf die Frage, ob sich die Stadt an den durch die Verfahren entstehenden Kosten und Aufwendungen der Betroffenen beteiligt.


Schäfli + Dieterich stark betroffen
Raphael Schäfli, der Geschäftsführer und Teilhaber von Schäfli + Dieterich AG an der Zürcherstrasse in Frauenfeld hat vor rund zwei Jahren an der Projektvorstellung Bund, Kanton und Stadt auf die schwierige Situation für sein Unternehmen während und nach der Bauphase hingewiesen. Schäfli spricht von seiner etablierten Firma als ein Lebenswerk. Schäfli hatte sich erhofft, dass seine Firma noch mehr in die Gespräche von Stadt, Kanton und Bund einbezogen würde. Er sagt: «Ich habe um Lösungsvorschläge angefragt.» Heute wundere er sich, dass er seither nichts mehr von den Planern hörte. Um einen Neubau an einem neuen Standort zu realisieren, müsste Schäfli viel Geld investieren. Davon sehe er ab, schliesslich sorgt sich Raphael Schäfli auch um sein bewährtes Fachteam. Eine Lösung fehle an allen Ecken und Enden, betont Schäfli: «Würde uns die Stadt nicht unterstützen, würden wir komplett am Berg stehen.» Die Pläne habe er vor Einsprachefrist gesichtet und neuralgische Punkte besprochen. Seinen Betrieb will er klar während der ganzen Dauer aufrechterhalten. Schäfli betont: «Wenn es die Verantwortlichen so durchziehen mit den Installationen während der Bauetappen, könnten wir nur noch mit zwei bis drei Fahrzeugen zufahren. Während der Vollsperrung können wir gar nicht mehr zufahren.» Und wie lange diese Bauarbeiten dauern, wisse niemand so genau. Schliesslich zweifelt Schäfli an gemachten Aussagen. Dass der Kanton Anfang Jahr kommunizierte, dass mit 80 bis 90 Prozent der betroffenen 40 Landeigentümern eine Lösung ausgearbeitet wurde, sei nicht nachvollziehbar. Nach Schäflis Rechnung haben 55 Prozent der Landeigentümer Einsprache erhoben.


Einsprachen werden bearbeitet
Nach Rückfrage mit der zuständigen Stadträtin, Andrea Hofmann Kolb stehen keine Gespräche mit dem Gewerbe Langdorf in Aussicht. Hofmann Kolb sagt: «Momentan werden die eingegangenen Einsprachen seitens Bund, Kanton und Stadt bearbeitet.» Gespräche hätten vor der Auflage und vor den Einsprachen stattgefunden. Die Stadträtin betont, dass sie mit den Gewerbetreibenden, die vorgängig auf die Stadt zugekommen sind, in Kontakt sei.
Gemäss kantonalen Verkehrsmessungen fahren von der zweispurigen Oststrasse täglich im Durchschnitt bis zu 22’500 Fahrzeuge stadteinwärts. Die beiden Knoten Tower und Swisscom wurden vor rund 25 Jahren von Kreuzungen mit Ampeln zu Kreiseln umgebaut, wobei die Kreisel wegen damals weniger Verkehrsaufkommen bisher funktionierten. Zu den Hauptverkehrszeiten genügen sie gemäss Astra den Ansprüchen nicht mehr, weil sie stark überlastet seien. Für die Nationalstrasse Autobahn A7 sowie die Verbindungen der Ein- und Ausfahrten bis zu den nächsten Knotenpunkten Tower und Swisscom ist das Bundesamt für Strassen (Astra) verantwortlich. Das Astra hat für den Anschluss Frauenfeld Ost erarbeitet.


Hauptachse Langfeld
Ja, zu einer Modernisierung der Infrastruktur sagt die Auto Lang AG. Ein Nein folgt von Geschäftsleiter Adrian Rüedi sogleich für lange Bauphasen ohne tragfähige Lösungen für das Gewerbe. Rüedi fordert ein Gespräch am Runden Tisch mit den Verantwortlichen von Stadt und Kanton. Auch erwähnt er eine konsensfähige Debatte mit dem Astra. Seither hat auch er nichts mehr gehört. Das geplante Verkehrskonzept Frauenfeld Ost sorgt im Langfeld nicht nur für Zustimmung. Besonders im betroffenen Gewerbegebiet Langdorf regt sich Widerstand. Die Auto Lang AG, eine der grössten Garagenbetriebe der Region, warnt vor spürbaren Nachteilen. «Es ist ein überdimensioniertes Projekt», sagt Adrian Rüedi. In der Theorie klinge es nach Optimierung für alle Beteiligten. «In der Praxis mit einer möglichen Landenteignung von rund 200 Quadratmetern droht uns das Gegenteil», ergänzt Rüedi. Das Unternehmen betreibt in Frauenfeld einen grossen Standort mit Verkauf, Werkstatt und Ersatzteillager und ist stark auf eine gute Erreichbarkeit angewiesen. Rüedi denkt dann an Interessierte und Autokäufer, welche sich dort bisher einen Überblick verschaffen konnten. Die Ausstellung an Autoneuheiten würde komplett in den Hintergrund treten.


Enteignung und Wirtschaftlichkeit
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die jahrelangen Bauarbeiten. «Wenn Kunden wegen Umleitungen oder Stau nicht mehr spontan vorbeikommen, verlieren wir unsere Besucher und das spüren wir direkt im Umsatz», heisst es von Garage Lang. Es wird befürchtet, dass sich Kundinnen und Kunden mittelfristig an Angeboten ausserhalb von Frauenfeld orientieren. Das Verkehrskonzept umfasst mehrere gleichzeitig laufende Teilprojekte auf den wichtigsten Zufahrtsachsen im Osten der Stadt, darunter die Zürcherstrasse und die Langfeldstrasse. Gerade diese Achsen sind für die Garage entscheidend. Noch grundsätzlicher fällt die Kritik am verkehrspolitischen Ansatz aus. Das Konzept setzt nicht nur auf Strassenausbau, sondern auch auf die Förderung des öffentlichen Verkehrs und besseren Bedingungen für Velos und Fussgänger. Als störend bezeichnet Adrian Rüedi eine Verkehrslenkung über Lichtsignale am Kreisel. Die Stadt argumentiert, das Projekt sei notwendig, weil die Infrastruktur veraltet und die Verkehrsbelastung hoch sei. «Wir stellen das nicht grundsätzlich in Frage, sondern fordern mehr Rücksicht auf das lokale Gewerbe», sagt Rüedi weiter.  Ob und wie stark diese Bedenken des Gewerbes in die weitere Planung einfliessen, bleibt offen. Klar sei, dass das Verkehrskonzept Ost die Strassen verändern soll. Folge davon sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Osten von Frauenfeld. Ihm gehe es um Planungssicherheit, sagt Rüedi: «Der Staat kann nicht einfach die Rahmenbedingungen ändern, ohne mit den Betroffenen tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Eine der grossen Stärken der Schweiz ist zudem die Eigentumsgarantie, die mit solchen Aktionen einfach einseitig «ausgehebelt» wird.» Störend findet Rüedi zudem, dass man als Stimmbürger und Steuerzahler keine Garantie habe, dass eine Lichtsignalanlage zu weniger Staus führen wird. Festgestellt hat er, dass der Verkehr werktags am Swisscom-Kreisel in der Regel für eine Stunde pro Tag zähflüssig sei. Das rechtfertige die enormen Investitionen von 58 Millionen Franken in keiner Art und Weise. Angesichts der Finanzknappheit der öffentlichen Hand gäbe es wichtigere Verkehrsprojekte. Schliesslich kann sich Rüedi auch nicht erinnern, dass es zu diesem wichtigen Projekt eine Volksabstimmung gegeben habe. «Eine Bevorzugung des Busbetriebes am Swisscom-Kreisel könnte auch einfach und kostengünstig über eine vom Bus aus steuerbare Rotlichtanlage erfolgen.» Andere flankierende Massnahmen wären aus seiner Sicht zudem viel kostengünstiger und einfacher umsetzbar.


Swisscom Kreisel
Auch der Nachbar der Lang AG wehrt sich. Die Bütikofer Automobile AG an der Langfeldstrasse betreffen die Pläne des Verkehrskonzeptes Ost mit dem Showroom der Fahrzeuge direkt an der Hauptachse. Der Projektleiter der Bütikofer, Markus Etter vom Gewerbehaus in der Au AG, Immobilien sagt: «Der projektierte, durchgehend vierstreifige Ausbau der Oststrasse sowie das umfassende Neukonzept der Langsamverkehrswege bedingt eine massive Inanspruchnahme von privatem Grundeigentum.» Die wirtschaftliche Existenz der dort ansässigen Firmen werde durch den Flächenverlust und die monatelange Nutzungssperre gefährdet. Etter ergänzt: «Wir sind der Meinung, dass die Führung der Langsamverkehrswege im Widerspruch zur kommunalen Richtplanung der Stadt Frauenfeld stehen und für die Bedürfnisse der Velofahrer und Fussgänger wenig tauglich sind. Hier müssen Alternativen prüfbar bleiben.»
Und schliesslich meldet sich noch ein Bewohner an der Neuhauserstrasse zu Wort. Ulrich Büchi erklärt, dass er den Planern bereits im Herbst 2025 eine einfache und günstige Lösung vorgeschlagen habe. Büchis Vorschlag ist: Ein Kreisel am Lindenspitz und die Lichtanlage entfernen. Bis zum Towerkreisel an der Oststrasse könnte das Abbiegen nach links mit einer Doppellinie verboten werden. Dann noch für alle einbiegenden Strassen das Linksabbiegen verbieten. Und schliesslich die Strassenführung mit Velo- und Fussgängerstreifen belassen. Das Ergebnis sieht Ulrich Büchi in einem Ende aller Staus. Wer nach links abbiegen wolle, müsse über einen zweiten Kreisel kehren. Auf politischer Ebene entstünden kaum Enteignungen und schliesslich ginge es noch um das Sparpotenzial gegen einen zweistelligen Millionenbetrag. Es brauche nur einen Umbau vom Lindenspitz zum Kreisel, einige Schilder und etwas Farbe. «Warum kompliziert? So einfach geht’s auch», beendet Ulrich Büchi sein Statement. Auch er hofft darauf, dass man ihn an den massgebenden Schnittstellen hört.


Text: Manuela Olgiati
Bild: zvg