Frauenfeld · 25.03.2026
Zwischen gefrorenem Nachtessen und tanzenden Polarlichtern
Zwei Frauenfelder auf Expedition im Abisko-Nationalpark
Wie grüne Geister tanzen sie über den schwarzen Himmel. Blitzen auf, leuchten und verwandeln die Polarnacht in etwas Wild-Unkontrollierbares, Zauberhaftes. Das Schauspiel hält manchmal stundenlang an und manchmal ist es vorbei, ehe man die Kamera ausgepackt hat.

Zwei Männer aus Frauenfeld kennen dieses Überwältigtsein von der Magie der Polarnacht. Für Jürg Schadegg ist es vertrautes Terrain, er war bereits rund 40 Mal im Abisko-Nationalpark, Lappland, für seinen Freund Balz Kubli ist es Neuland. Eine Woche lang begleitete ihn der Fotograf bei Temperaturen bis zu minus 23 Grad. «Nordlichter hatte ich in der Schweiz schon gesehen und fotografiert», erzählt Balz Kubli. Aber in Nordschweden sei dies nochmals etwas anderes: «In der Schweiz waren die Polarlichter rötlicher, in Lappland meist grün und bewegten sich mehr.»
Jürg Schadegg, der auch die Sternwarte Oberherten leitet, reist nicht nur wegen der Polarlichter in den Norden, sondern auch wegen des sportlichen Aspekts. Denn eigentlich wandert er im Abisko-Nationalpark mit Schneeschuhen und einer Pulka. Doch dieses Mal waren die Wetterbedingungen für Polarlichter so ideal, dass er fast immer am gleichen Ort blieb, wie er berichtet.
Anreise und Logistik
Die grösste Herausforderung beginnt schon vor der Ankunft: Flug nach Kiruna, dann Zug und Taxi in den Nationalpark und das mit dem gesamten Expeditionsgepäck wie Zelt, Pulka, Kameraausrüstung. Jürg Schadegg reiste in der Vergangenheit gerne mit dem Interrail nach Nordlappland. 48 Stunden dauerte die Reise. Doch die letzten drei Male ist er geflogen, da auf Züge kein Verlass mehr sei. So musste er auf vergangenen Reisen erleben, dass ein Zug einfach ausfiel und er 4 bis 5 Tage an einem Ort gestrandet war.
«Mich hat die Kälte fasziniert», sagt Fotograf Balz Kubli. Mit dem nötigen Know-how könne man dort gut überleben. «Das Wichtigste ist Trinkwasser», sagen beide. Also genügend Brennstoff, um Wasser zu schmelzen. Sie benutzten dafür einen Petroleumkocher. «Man darf nicht vergessen, wir bewegen uns in einer Tiefkühltruhe», sagt Balz und schmunzelt. Schnee wird geschmolzen und als Trinkwasser in einer Blase am Körper getragen. Auch die Batterien für seine Drohne und Fotoausrüstung trug Balz am Körper. «Alles, was nicht einfrieren soll, wird am Körper getragen», sagt er. Und wie schnell bei minus 23 Grad etwas gefriert, erfuhr Balz selbst, als er Nachtessen in einer Pfanne kochte. «In diesem Moment kamen die Polarlichter raus und ich verliess das Zelt. Fünf Minuten später war mein Essen gefroren, und ich musste von vorne beginnen.» Jürg und Balz kochten im Zelt, meist im Liegen im Schlafsack, alles andere wäre zu kalt gewesen, berichten sie. Sie betonen aber auch, dass Kochen im Zelt nur ratsam für erfahrene Winterexpeditionisten ist, sonst könne es passieren, dass man das Zelt abfackelt. «Erstaunlich war für mich, dass man mit weniger Kleidern auskommt, als gedacht», berichtet Balz. «Man hat die Wahl: Lege ich mich dick an und fotografiere oder gehe ich in den Schlafsack?», so Balz. Nach sechs Tagen allerdings war das Innere seines Zeltes durch Kondenswasser gefroren und verwandelte sich in eine Eishöhle. Jürg riet ihm, mit dem Benzinkocher alles aufzutauen. Als weitere Herausforderung stellte sich die zugefrorene Drohnenbatterie dar, die er ebenfalls über dem Kocher auftaute. Bei der Ausrüstung müsse man darauf achten, die wichtigsten Sachen doppelt zu haben, so Jürg, der auf jahrelange Erfahrung und Routine zurückblicken kann.
Klimawandel ist sichtbar
Nach rund 40 Reisen in den Abisko-Nationalpark beobachtet Jürg Schadegg auch Veränderungen und Folgen des Klimawandels. Das Eis wird dünner: «Früher konnte ich auf Fliessgewässern laufen, heute trägt teilweise das Eis zu wenig.» Durch Klopfen mit dem Stock auf das Eis, durch die Akustik, weiss er, ob es trägt. Jürg reflektiert: «Wir gehen mit Hightech-Ausrüstung in den hohen Norden. Umso mehr verneige ich mich vor den Pionieren, die schwere Zelte aus Fell und eine Pulka aus Holz schleppten. Wir leisten im Verhältnis zu den Pionieren nichts mehr.» Unvergesslich jedoch für Balz: «Die unglaubliche Stille dort.» Balz Kubli sagt, er habe Musik dabei gehabt, aber kein Bedürfnis verspürt, sie zu hören. Als Fotograf war er schon viel in der Welt unterwegs, aber diese Stille werde er so leicht nicht vergessen. Stille, Eis, Schnee und Nordlichter, die über den Himmel tanzen: Eine Reise nach Lappland, die für beide sicher nicht die letzte war. Weitere Bilder finden sich auf unserer Webseite.
Text: Elke Reinauer
Bild: Balz Kubli
Was sind Polarlichter?
Polarlichter sind die sichtbare Folge solarer Teilchenströme. Der Sonnenwind, ein kontinuierlicher Strom geladener Teilchen aus der Sonnenkorona, (der Bereich der Atmosphäre der Sonne) erreicht mit Geschwindigkeiten von 300 bis über 800 Kilometern pro Sekunde (etwa Frauenfeld – Hamburg in weniger als einer Sekunde!) nach ein bis drei Tagen die Erde, deren Magnetfeldlinien die Partikel in Richtung der magnetischen Pole lenkt, wo sie in die obere Atmosphäre eindringen.
In Höhen zwischen etwa 80 und 500 Kilometern kollidieren sie mit Sauerstoff- und Stickstoffatomen. Die dabei angeregten Teilchen emittieren Licht charakteristischer Wellenlängen: Grünes Leuchten entsteht meist durch Sauerstoff in rund 100 bis 250 Kilometern Höhe, rotes in grösseren Höhen; bläuliche und violette Töne gehen überwiegend auf Stickstoff in tieferen Schichten zurück. Die Intensität folgt dem rund elfjährigen Sonnenzyklus, der unter anderen durch die Zahl der Sonnenflecken sichtbar wird. Während den Aktivitätsmaxima häufen sich Flares, Protuberanzen und koronale Massenauswürfe (CME). Letztere können beim Auftreffen auf die Erde geomagnetische Stürme auslösen und Polarlichter bis in mittlere Breiten sichtbar machen, welche letztmals am 20. Januar dieses Jahres in Frauenfeld zu bestaunen waren. Das Maximum des aktuellen Zyklus wurde jüngst überschritten.
Solche Stürme sind nicht nur atmosphärische Phänomene. Das Carrington-Ereignis von 1859, beobachtet von Richard Carrington, legte Telegrafennetze lahm. In einer von Satelliten, Stromnetzen und digitaler Infrastruktur abhängigen Gesellschaft hätte ein vergleichbares Ereignis heute erheblich weitreichendere technische und gesellschaftliche Folgen als dazumal.
Text: Jürg Schadegg