Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 05.11.2025

Ein Tag mit den Jägern

Jagd mit der Jagdgesellschaft Frauenfeld Süd am Heerenberg

Ein Tag mit der Jagdgesellschaft Frauenfeld Süd zeigt eine Jagd, die mit dem alten Klischee vom Schiessen wenig zu tun hat. Sie ist Arbeit am Ökosystem, getragen von Erfahrung, Respekt und Verständnis für Naturkreisläufe. Eine Reportage über die leise, verantwortungsvolle Arbeit der Jäger am Heerenberg.

 

 

Das Wetter ist gut und trocken. Es ist schon hell, als sich die rund 20 Mitglieder der Jagdgesellschaft Frauenfeld Süd am Heerenberg treffen. Es ist ruhig, Jäger und Treiber unterhalten sich leise. Der Nebel hängt über den Wäldern. Nur leise Stimmen sind zu vernehmen. «Wir teilen uns heute in Gruppen auf», sagt Robert Zahnd, der Obmann der Jagdgesellschaft Frauenfeld Süd. Ziel der Jäger ist das Rehwild. Der Obmann spricht vom Reh, Fuchs und Dachs in dieser Gegend. In diesen kommenden Herbstmonaten treffen sich die Jäger zu vier Jagdanlässen im Wald.
Zu einer Begegnung mit dem Dachs kommt es gemäss Obmann eher nicht. «Der Dachs bewegt sich meist nur in der Dämmerung und in der Nacht.» Die schlauen Füchse und auch Wildschweine leben hier im Wald. «Nein, gefährlich sind Wildschweine nur, wenn sie krank sind», sagt Zahnd. Bachen, also Muttertiere, sind nur gefährlich, wenn sie nicht fliehen können.
Jagdleiter Heinz Affentranger erklärt die Regeln. Grundlage aller jägerischen Aktivitäten bildet klar das eidgenössische Jagdgesetz. Dieses bezweckt, die Artenvielfalt und die Lebensräume der Wildtiere zu erhalten, bedrohte Arten zu schützen und die von Wildtieren verursachten Schäden auf ein tragbares Mass zu beschränken. Es bildet den Rahmen für eine angemessene Nutzung der Wildtierbestände durch die Jagd. Affentranger ermahnt die Jäger, achtsam zu sein. Er sagt: «Der Heerenberg ist ein Naherholungsgebiet. Spaziergänger mit Hunden an der Leine und Jogger sind anzutreffen.» Achtsamkeit braucht es, wenn Jäger erlegene Tiere aufbrechen. Die Sprache der Jäger. Der Jagdleiter ermahnt zur Vorsicht: «Hunde nehmen Fährte auf.» Ein kurzes Nicken geht durch die Runde. Keine grossen Worte, keine Hektik. Jeder weiss, was zu tun ist. Dann verschwinden sie mit Jagdhunden zwischen den Bäumen in alle Richtungen.


Jagdausrüstung auf dem Rücken
Wie sich zeigt, brauchen Jäger einiges an Ausrüstung. Zwei Jäger mit Klettersitz werden im Waldinnern hoch oben am Baumstamm den Überblick über ihr «Jagdrevier» erhalten. Einer sagt: «Mit dem Klettersitz sind oft die jüngeren Jäger im Einsatz.» Sie seien sportlich unterwegs.


Einklang mit der Natur
Am Morgen liegt eine besondere Spannung über dem Wald. Die Jäger bewegen sich leise, aufmerksam. Jeder Schritt wird bewusst gesetzt, jedes Geräusch genau registriert. Die Kommunikation läuft über das Handy. «Gruppe Zwei steht.» «Rehwild in Sicht, kein Eingriff.»
Der Wald ist kein Ort für Eile. Es ist eine Übung in Geduld, Wahrnehmung und Respekt. «Viele denken, wir ziehen los, um zu schiessen», sagt Zahnd. Die Jagd besteht zu 90 Prozent aus Beobachten und Zuhören. «Nur wer den Wald versteht, darf eingreifen.» Einer der Treiber ist Hansruedi Soltermann. «Ich mache das schon seit 20 Jahren.» Soltermann faszinieren die Aufenthalte in der Natur. Ein Treiber bei der Jagd treibt das Wild vorsichtig aus seinem Versteck, damit es langsam und ruhig zu den wartenden Schützen gelangt. Das Wild aufscheuchen läuft in Gruppen von zwei oder drei Treibern an. Am Waldrand angelangt sind Soltermann und seine Kollegen bereits nicht mehr zu sehen.


Spuren lesen
Ein Stück weiter zeigt eine frische Fährte im weichen Boden. Tiere wollen die Jäger nicht ausrotten, nur regulieren. Es geht um ein Gleichgewicht zwischen Wild und Landwirtschaft. Die Luft trägt den Duft von feuchtem Laub und Erde. Die Natur wirkt friedlich, doch die Arbeit der Jäger ist geprägt von Verantwortung. Sie müssen entscheiden, wann ein Eingriff nötig ist, und wann nicht.


Mittag am Heerenberg
Gegen Mittag treffen sich die Gruppen bei der Jagdhütte. Es gibt heissen Kaffee und Gesprächsstoff. Die Stimmung ist ruhig, fast familiär. «Wir kennen uns seit Jahren», sagt der Obmann. Das Revier ist vertraut, ein zweites Zuhause.


Kontrolle statt Jagdfieber
Am Nachmittag zieht die Gruppe weiter, mit Landkarten und Notizbuch. «Nach der Jagd dokumentieren wir dem Kanton Thurgau den Abgang», erklärt Zahnd. Es geht längst nicht nur ums Schiessen, sondern um das Einhalten des Jagdgesetzes. Der Obmann sagt: «Im Frühling melden wir der kantonalen Stelle, wie viele Rehe wir in unserem Revier gezählt haben.» Aufgrund dieser Zählung bestimmt der Kanton den Abgang im Revier, inklusive Fallwild.
Doch zurück zu den Aktivitäten im Wald. Zwischendurch schweift der Blick über die Baumkronen. Ein Bussard, der Kreise zieht, könnte ein Zeichen sein. Gemäss Jagdleiter ist an diesem Tag Schwarzwild nicht zu sichten. Gegen Abend, wenn das Licht golden wird, atmet der Wald, die Geräusche werden weicher. Einige haben geschossen – es ein erfolgreicher Tag. «Erfolg heisst für die Jäger nicht nur Beute», sagt Zahnd. Wenn Jäger den Bestand einschätzen, Schäden verhindern und die Natur beobachten, haben sie einen wichtigen Auftrag erfüllt.
Am Horizont färbt sich der Himmel dunkel. Der Nebel kehrt zurück, als würde der Wald sich schliessen. Die Jäger verstauen ihre Ausrüstung, ein letzter Händedruck, dann verschwinden sie in die Dämmerung.


Text und Bild: Manuela Olgiati