Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 22.10.2025

Zwischen Geschichten und Fundstücken

Zukunft Brockenhäuser der Region

Von aussen wirkt es wie eine Lagerhalle. Ein unscheinbares Gebäude im Industriequartier, am Stadtrand, im Dorf. Tritt man ein, öffnet sich eine andere Welt: Willkommen im Brockenhaus.

 

 

Brockenhäuser im Kanton Thurgau schenken Dingen ein zweites Leben – und Menschen einen Ort, an dem Kaufen, Geben und Begegnen zusammenkommen. Soziales Gedankengut mischt sich mit Umweltthemen zur Nachhaltigkeit. Ein Hauch von Nostalgie liegt in der Luft. Es riecht nach Holz. Gebrauchte Sofas sind ausgestellt, gegenüber steht ein Kronleuchter, der einmal einen Saal schmückte. Auf einem Tisch liegen Porzellanteller, handbemalt, jedes Stück ein Unikat. Und dazwischen: Menschen. Suchende, Stöbernde, Staunende. Im Kanton Thurgau gibt es über 30 Brockenhäuser. Brockis funktionieren, sie stehen auch vor Herausforderungen in der sich rasch entwickelnden, digitalen Welt. Wir besuchten einige Brockenhäuser in der Region.


Ein Ort für alle
In Brockis stöbern ist kurzweilig, zeitweise auch unterhaltsam. Man trifft viele Leute. «In der Brocki trifft sich die ganze Gesellschaft», sagt Besucherin Mirjam Widmer. Sie stöbert regelmässig nach Fundstücken. In Brockenhäusern kommen Rentner, um ein gutes Buch zu finden, Studierende suchen günstige Möbel für die WG, Familien entdecken Spielsachen für die Kinder. Durch die Gänge laufen Frauen mit Waren, ein alter Singer-Nähkasten wird zur Kasse getragen. Ein Fundstück. Und davon gibt es so viele.
In einer Zeit des Überflusses wirkt das Brockenhaus wie ein Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft. Hier wird nicht entsorgt – sondern weitergegeben. Geschirr, Kleidung, Möbel, sogar Schallplatten aus den 60er Jahren. Alles hat hier noch einen Wert. Brockis retten jedes Jahr Tonnen von Dingen vor dem Abfall. Zum Beispiel in der Heilsarmee Brocki geht der Erlös an soziale Projekte. Kaufen und Gutes tun, ist ein einfaches Prinzip, das funktioniert. Inzwischen hält sich am Ausgang eine Familie mit einem gebrauchten Kinderwagen auf. Daneben hält ein junger Mann einen Stapel alter Jazzplatten in der Hand. Jeder nimmt etwas anderes mit – und doch verbindet sie alle ein Gedanke: Wertschätzung für Dinge, Geschichten und Menschen.


Brocki als zweite Chance
Das Brockenhaus ist ein Ort der Chancen. Auch Geschäft. Helmut Wiegisser, der Geschäftsführer vom Blaues Kreuz Schaffhausen-Thurgau mit Sitz in Weinfelden lobt die zum Blaues Kreuz gehörende Brocki Pfyn. «Ein engagiertes Team ist im Einsatz.» Pfyn ist eine beliebte Adresse für gut erhaltene Objekte, gepflegt und sehr sauber. Wiegisser hebt zwei Arten von Brockenhäusern hervor: die wirtschaftlichen Brockenhäuser und jene mit Arbeitsintegration. Brockenhäuser, die Menschen auf ihrem Weg zur beruflichen Selbständigkeit begleiten und sie stärkt in ihrer Selbstwirksamkeit. In der Brocki Pfyn finden Besucher tausend Dinge zu einem günstigen Preis. Sucht man etwas Spezielles, beraten freundliche Mitarbeiter. Übrigens ist bereits die Weihnachtsausstellung aktuell.


Brocki Volltreffer - Sirnach
Im riesigen Brocki Volltreffer-Laden an der Fabrikstrasse 8 in Sirnach finden Besucher auf über 1 500 Quadratmetern ein wechselndes Angebot an gebrauchten und auch neuen Artikeln. Viele seiner Kunden reden vom «schönsten Brocki» der Region sagt Geschäftsführer Martin Hess. Er ergänzt: «Bei uns können Sie zu fairen Preisen gute Qualität erhalten.» Am liebsten mögen er und sein Team es, wenn sich begeisterte Kunden im Nachhaltigkeitsunternehmen inspirieren und ihre eigene Entdeckungsreise machen. Das Brocki Volltreffer wird als eigenständiges Unternehmen, und nicht als ein Verein oder in einer Stiftung geführt. Hess sagt, dass er dadurch viel Entscheidungsfreiheit hat, aber auch einige Herausforderungen meistern muss. Zum Beispiel darf er als Unternehmen keine Zivildienstleistende, sowie IV-Bezüger und angemeldete Personen von Regionalen Arbeitsvermittlungszentren beschäftigen. Hinzu kommt gemäss Hess, dass er die Mehrwertsteuer, welche ja – weil Secondhand – schon einmal bezahlt wurde, nochmals bezahlen muss. Ihm gefällt, was er tut und die Leute machen mit. Warenspenden nimmt das Brocki Volltreffer während der Öffnungszeiten entgegen. Ab 8. November lockt der grosse Weihnachtsmarkt. 


Herausforderungen der Zeit
Zwei weitere Brockis befinden sich in Wängi. Der Schwerpunkt des Brockis Zentrum Ranunkel in Wängi ist auf die berufliche und soziale Integration fokussiert. Das Brocki existiert seit bald 30 Jahren und gehört den Gemeinden Aadorf, Matzingen, Thundorf, Wängi, Sirnach, Fischingen und Gachnang. Die Brocki arbeitet mit psychiatrischen Diensten zusammen. Es gibt eine Holzwerkstatt, auch einen Garten für helfende Hände. «Der erste Auftrag ist die Integration. Als zweites kommt dann Verkauf und Produktion», erklärt Andreas Trachsel, stellvertretender Geschäftsführer. Im Brocki werden auch selbst gemachte Produkte verkauft. Das Brocki legt Wert auf Sauberkeit. Die Kleider werden vor dem Verkauf gewaschen und gebügelt. Heutzutage gäbe es sehr viele weitere Möglichkeiten Produkte aus zweiter Hand zu bekommen, heisst es: Ein Trend, Gegenstände gratis am Strassenrand zu platzieren etwa oder der Online-Verkauf auf Ricardo oder E-Bay. «Es gibt sehr viele weitere Absatzkanäle», erklärt Trachsel. Dies sei schon eine Herausforderung. In der Zukunft kann es zu Umsatzumbrüchen kommen und die Umwelt würde sich auch verändern, ergänzt er. «Wir arbeiten eng mit der regionalen Bevölkerung zusammen.»
Und dann folgt ein Besuch in der Brocki Wängi, der Stiftung Wetterbaum. «Das Brocki Wängi ist nicht gewinnorientiert», sagt die Bereichsleiterin Priska Heeb. Das Ziel der Organisation sei, ähnlich der Brocki Ranunkel, die berufliche und soziale Integration zu fördern. Die Stiftung Wetterbaum ist eine Sozialfirma mit Hauptsitz in Frauenfeld. Dazu gehören weitere Brockis in Weinfelden. In Frauenfeld sind Wäscherei und Bistro vorzufinden. In Weinfelden gibts eine Werkstatt für Fensterläden. «Das Brocki Wängi zieht immer wieder viele neue junge Leute an», erklärt Heeb weiter. Der Trend habe sich geändert und viele achten heute mehr auf die Nachhaltigkeit. Die Kleider für Frauen seien die beliebtesten aller Produkte. «Wir verkaufen fast alles», sagt Heeb. «Nur keine Waffen und Lebensmittel», ergänzt sie und lächelt. Wie viele Besucher das Brocki am Tag empfängt sei sehr unterschiedlich. Es hänge auch stark vom Wetter ab. Priska Heeb arbeitet erst seit einem halben Jahr im Brocki Wängi. «Ich habe schon früher im Brocki gearbeitet», erklärt sie. Zu den drei Mitarbeitern, kommen zurzeit noch sieben Mitarbeiter hinzu, die im Programm tätig sind. Dabei gebe es auch Wechsel. 


Letzte Chance – alles muss raus
Einer der wohl auswahlreichsten Brocki-Shops bestand seit mehr als 25 Jahren in Sirnach. Kurzum, Brocki-Shop genannt, den die Besitzer Hildegard und Markus Ruckstuhl mit viel Liebe zum Detail geführt haben, schliesst nach dem Tod von Inhaber Markus Ruckstuhl per Ende Jahr 2025 für immer seine Tore. Ein bisschen Wehmut ist dabei: Einer der schönsten Brockis geht zu. Hier gibt es noch, was viele gar nicht mehr kennen, andere jedoch schon lange suchen. Schon beim Eintreten schlägt das Stöberherz höher. Raritäten, antike Spielsachen, wertvolle Standuhren, wunderschöne Kronleuchter versetzen die Besucher in Staunen. Es ist eine Zeitreise in die Vergangenheit, eine Erlebniswelt, in die man eintaucht. Zudem finden Besucher schöne, komplette Services, Gläser aller Art, Haushaltartikel in top Zustand. Wer Raritäten und Antiquitäten sucht, wird hier bestimmt fündig. Andrea Garcia, die Tochter von Markus Ruckstuhl, selig, sagt: «Nach vielen Jahren voller Geschichten, Schätzen und besonderen Funden schliesst das weit herum bekannte Brocki an der Büfelderstrasse 23b in 8370 Sirnach seine Tore für immer.» Doch bevor sich die Familie verabschiedet, möchte sich die Familie bei allen treuen Kunden bedanken. Jetzt heisst es profitieren: Bis Dezember gibt es ein einmaliges Räumungs-Angebot mit satten Rabatten. Vorbeischauen lohnt sich. 


Mehr Infos und die Daten finden Sie unter: www.brockishop.ch


 Text und Bild: Manuela Olgiati/Emma Ramsauer