Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 15.10.2025

Die Letzte der ersten Stunde

Im 5. Teil unserer Künstlerserie besuchen wir Suzanne Rüegg im Eisenwerk

Die Fenster in Suzanne Rüeggs Atelier im Eisenwerk könnten mal wieder geputzt werden. «Es ist schon etwas her, dass jemand im Austausch für einen Kurs die Fenster geputzt hat», sagt sie und lacht. Die Fenster reichen vom Boden bis zur Decke, es dauert also ein wenig, bis alle sauber sind. Gerne bietet sie diesen Tausch an.

 

 

Ihr Studio besitzt zwei Ebenen. Über eine fast versteckte Treppe geht es nach oben, in die Galerie; dort stellt Suzanne Rüegg ihre Werke aus. Keramikschalen, Geschirr, aber auch Kunstwerke, an Walfischknochen erinnernde Stücke oder Schalen mit einem wie herausgeschnittenen, abgeknickten Stück. In einer Ecke steht ihr Schreibtisch. Unten im Atelier ist alles vorhanden, was das Töpfer- und Keramikerherz begehrt: Töpferscheibe, Brennofen, Arbeitstisch, Pinsel, Glasuren und etliche Arten Ton. «Ich beziehe noch Ton aus einer Schweizer Tongrube», sagt sie. Sie mag das Material: «Ton ist weich, willig und wunderbar.»


Seit 40 Jahren
Seit 40 Jahren besteht Suzanne Rüeggs Ton- und Keramikatelier im Eisenwerk. Sie ist eine der Letzten der ersten Stunde – und eng mit dem Eisenwerk verbunden. «Ich war eine der Ersten, die hier eine Werkstatt hatten.» Sie erinnert sich an Zeiten, als sie mit einer Kollegin in der Eisenwerk-Beiz ihre Keramik ausgestellt hatte. An die Kunstschule von Eva Brenner und an zahlreiche Mieter, die gekommen und gegangen sind. Wie der Schlosser Mario Kunze: «Seine letzte Arbeit war, mir eine Galerie ins Atelier zu bauen», sagt sie.
Ihre Ausbildung zur Keramikerin absolvierte Rüegg an der Schule für Gestaltung in Bern. Heute wohnt sie in St. Margarethen bei Münchwilen. Mehrere Standbeine trugen sie durch ihre Laufbahn als Künstlerin: das Fertigen von Geschirr und Gebrauchsgütern sowie Ausstellungen und Unterrichten. «Ich unterrichte sehr gerne», sagt sie und erinnert sich gerne an die Zeit zurück, als sie verschiedene Jugendliche, die in der Vorschule zu den Pflegeberufen standen, zwölf Jahre lang unterrichten durfte. «Ich liebe es, das Taktile zu fördern», so Rüegg, die sich selbst nicht als Künstlerin, sondern als Kunsthandwerkerin bezeichnet. Aktuell vermittelt sie dies in den Herbstferien, gerade sind ein paar Dutzend Kinder bei ihr zum «Freien Gestalten mit Ton»
Über ihre Inspiration sagt sie: «Lebensthemen haben mich inspiriert.» Auch, wenn die Aufmerksamkeit auf Form übergehe und Gestalt annehme.


Musik, Gedichte und Kunst
Kreativ ist sie auf verschiedene Arten: In ihrem Atelier fallen Trommeln, Djembé und verschiedenes Schlagwerk ins Auge. Rüegg hatte jahrelang in einer Band gespielt, durch die Pandemie sei das aber etwas eingeschlafen. Heute trifft sie sich immer noch mit anderen Frauen, um gemeinsam zu trommeln. Performancekunst ist eine weitere Sparte, in der sie aktiv war. So baute sie Keramikgeschirr in eine Performance ein. Ausserdem schreibt sie Gedichte, malt und fotografiert. «Die 80er- und 90er-Jahre waren die goldenen Jahre», sagt sie. Nun beobachte sie, dass das Keramikfeld abnehme. So hatte sich das «Formforum» aufgelöst, in dem sie lange aktiv war. Das Forum hatte unter anderem Ausstellungen organisiert. Mit 500 Mitgliedern war Formforum der grösste Schweizer Verein und Plattform für zeitgenössisches Kunsthandwerk und Design.
Langsam werde sie sich zurückziehen, sagt die 76-Jährige. Wer das Atelier übernehme und wann, steht bisher nicht fest. «Alles ist im Wandel.» Und bevor sie auszieht, müssen die Fenster noch geputzt werden und den Blick freigeben – wie auf 40 Jahre im Eisenwerk und auf das, was danach kommt.


Text und Bild: Elke Reinauer