Frauenfeld · 03.09.2025
Strassenschäden auf der Verbindungsstrasse: War’s wieder der Biber?
Strassenschäden bei Niederwil-Islikon müssen repariert werden
Biberschäden! Das Schild prangt warnend an der Verbindungsstrasse Niederwil–Islikon fährt: Auf der Landstrasse ist an diesem Nachmittag einiges los: SUVs, ein Traktor und ab und zu Velofahrer, die das schöne Wetter ausnutzen. Die Sanierung der Ortsdurchfahrt Islikon (wir berichteten in der Ausgabe vom 20. August) sorgt ebenfalls dafür, dass viele Fahrer die Verbindungsstrasse neben dem Tegelbach nutzen.

Im vergangenen Juni wurde die Strasse geflickt – nicht zum ersten Mal. «Nicht immer ist der Biber schuld», sagt Thomas Lang vom Ressort für Tiefbau und Umwelt. Roger Weber, Leiter vom Amt Bau und Umwelt, fügt hinzu: «Belastung von Fahrzeugen oder der Wasserstand des Tegelbachs können ebenfalls zu Schäden führen.» Die Strasse ist eigentlich mit Lastwagenverbot und maximal acht Tonnen signalisiert, landwirtschaftliche Transporte sind aber oft viel schwerer.
Biber siedeln am Tegelbach oder ziehen durch. Bei dem jüngsten Schaden war der Sachverhalt folgender: Es trat ein Loch im Belag auf. Dann beginnt die Ursachenforschung: War es der Biber oder war er es nicht? Ein Verantwortlicher des Kantons wird herbeigezogen, um festzustellen, ob der Schaden vom Biber kommt oder nicht. Man fand einen verlassenen Bau der mehrere Meter tief unter dem Strassenbelag lag - zu tief, um für diesen Belagschaden verantwortlich zu sein. «Der Schaden kam also in diesem Fall nicht vom Biber», sagen Thomas Lang und Roger Weber. Biber können aber durchaus unter den Belag graben, was in Vergangenheit auch schon mehrfach geschah.
Wachsende Gemeinde
Doch nicht nur der Biber kann Strassenschäden verursachen. «Die Gemeinde wächst – inzwischen sind es ungefähr 4600 Einwohner. Das heisst, die Verkehrsbelastung der Strasse steigt ebenfalls, dies insbesondere auch während der Bauphase der Ortsdurchfahrt Islikon», so Thomas Lang und Roger Weber. Die beiden rechnen damit, dass auch in nächster Zeit Unterhaltsarbeiten gemacht werden müssen, gerade wegen der Mehrfachbelastung durch die teilweise Strassensperrung in Islikon.
Biber, viele Fahrzeuge und der Tegelbach bei starkem Regen – diese drei Komponenten führen dazu, dass die Verbindungsstrasse immer wieder geflickt werden muss. «Wir reparieren das Notwendige», so Thomas Lang. Letztendlich müsse man mit dem Biber leben.
Technische Lösung wäre möglich
Eine technische Lösung gebe es durchaus, so die beiden. Diese sei aber sehr aufwendig: Dabei werden Gitter an der Böschung eingebaut, die vor Untergrabungen durch Biber schützen sollen. «Das wäre allerdings sehr aufwendig und kostenintensiv und die bestehende Hecke müsste auf der ganzen Länge des Bachs gerodet werden», sagen Thomas Lang und Roger Weber.
Auch das Bundesamt für Umwelt schreibt von dieser Lösung in der Publikation «Biber als Partner bei Gewässerrevitalisierungen.» Laut dem Bundesamt für Umwelt bieten sich zum Schutz gewässernaher Infrastrukturen verschiedene technische Massnahmen an. Oberflächlich auf die Uferböschung aufgelegte Gitter oder Steinschlagnetze bilden dabei undurchdringliche Sperren für grabende Biber und funktionieren ebenso gegen Bisamratten, die sich ebenfalls in der Schweiz ausbreiten. Bei Fliessgewässern mit Längs- und Querdämmen für Hochwasserschutz oder Wasserkraftnutzung darf der Damm auf keinen Fall durchlöchert werden. Auch hier empfiehlt sich der Schutz durch Gitter oder Steinschlagnetze. Ist eine Verstärkung und Abflachung nach aussen machbar, kann das Gitter innerhalb des Damms eingebaut werden, sodass Biber bis zur künstlichen Sperre graben können, ohne Schaden anzurichten. Die landseitige Aufschüttung muss dabei so dimensioniert werden, dass sie auch den Stabilitätsverlust durch die Grabtätigkeit kompensiert.
Naturnahe Lösungen
Allerdings sind laut dem Bundesamt für Umwelt diese technischen Massnahmen zur Verhütung von Biberschäden teuer und tragen wenig zur ökologischen Aufwertung eines Baches bei. Sie schaffen weder neue Lebensräume noch bereichern sie das Landschaftsbild und seien deshalb nur dort angebracht, wo eine Verlegung der betroffenen Infrastrukturen nicht möglich oder zu aufwendig sei. Einen echten Mehrwert für Natur und Landschaft bringt hingegen eine Erweiterung des Gewässerraums, die das Angebot naturnaher Flächen und Strukturen erhöhe, die Entwicklung vielfältiger Artengemeinschaften begünstige und die meisten Biberkonflikte aus der Welt schafft. Das Terrain, auf dem Biber dem Menschen in die Quere kommen können, ist nämlich limitiert: Für Wege ist die Einsturzgefahr bereits ab einem Abstand von fünf Metern von der Böschungskante weitgehend gebannt, da nur äusserst selten weiter landeinwärts gegraben wird. Wenn Biber Dämme bauen, steht das Wasser meist nur auf kleinen Flächen. Ausser bei sehr flachem Gelände mit durchlässigen, kiesigen Böden betrifft das normalerweise nur einen 10 bis 20 Meter breiten Streifen am Ufer. Wenn dort nicht intensiv Landwirtschaft betrieben wird, gibt es keine Probleme mit den Bibern. Soweit die Theorie.
Realität am Tegelbach
Doch von einem problemlosen Zusammenleben mit den Bibern am Tegelbach ist die Gemeinde noch weit entfernt. Von der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons heisst es, dass der Tegelbach seit 2009 von Bibern besiedelt ist. Seither befassen sich die Jagd- und Fischereiverwaltung und die Gemeinde Gachnang immer wieder mit Konflikten, insbesondere wegen Grabaktivitäten. «Aufgrund der aktuell engen Platzverhältnisse vor Ort sind Konflikte kaum vermeidbar. Betroffen ist in erster Linie die Gemeinde Gachnang als Eigentümerin der unmittelbar angrenzenden Strasse und Unterhaltspflichtige am Tegelbach. Das Untere Thurthal gehört zu den am dichtesten besiedelten Bibergebieten der Schweiz», so Michael Vogel von der Jagd- und Fischereiverwaltung.
Abschuss ist keine Option
2019 hatte die Gemeinde Gachnang ein Gesuch um Abschuss der Biber-Familie gestellt. Es wurde abgelehnt, auch weil weitere Biber das Gebiet rasch wieder besiedeln würden. Deshalb müssten andere Massnahmen zur Schadensbegrenzung priorisiert werden, so Vogel weiter.
Er erklärt: «Das Bundesrecht schreibt vor, dass Massnahmen zielführend sein müssen und zudem mildere Massnahmen wie Eingriffe am Lebensraum vor Bestandeseingriffen zu ergreifen sind.» Solche Präventionsmassnahmen werden vom Bund und Kanton finanziell unterstützt.
In Abstimmung mit der Gemeinde kam man zum Schluss, dass eine Revitalisierung des Tegelbachs und ein Rückbau der Strasse sachlich am Sinnvollsten wäre.
Für beides stünden finanzielle Unterstützung von Bund und Kanton zur Verfügung, aber sie kosten auch die Gemeinde. Die Umsetzung braucht jedoch Zeit und muss von der Gemeinde angestossen werden, heisst es abschliessend vom Kanton.
Text und Bild: Elke Reinauer