Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 29.05.2024

Die Kunst des Wartens

 

 

Warten ist wohl DIE EINE Disziplin, die wir alle meisterhaft beherrschen... 


Schätzungen zufolge verbringen Menschen durchschnittlich 374 Tage ihres Lebens damit, auf unterschiedlichste – meist belanglose – Dinge im Alltag zu warten.


Dabei haben Forschungsstudien versucht, spezifische Wartezeiten zu quantifizieren. Beispielsweise würden Menschen unter anderem durchschnittlich bis zu zwei Wochen ihres Lebens damit verbringen, an roten Ampeln zu verweilen oder mehrere Monate hingebungsvoll wartend auf ihr Smartphone starren.


Hinzu kommt die Kunst, sich geduldig der endlosen Schlange hinter der Supermarkt-Kasse anzustellen und dabei ein möglichst charmantes Lächeln aufzusetzen. Nicht zu vergessen, der humorvolle Sketch, wie sich das Warten vor dem Aufzug zu einem amüsanten Ballettakt entwickelt, wenn alle gleichzeitig versuchen, den Knopf schneller zu drücken als der andere. 


Übrigens: Rund drei Jahre unseres Daseins verbringen wir anscheinend auf dem stillen Örtchen und 52 Prozent dieser «Klozeit» würden dabei fürs Lesen verwendet... na wunderbar! Die grüne Zeitung freuts!


So sollte das Warten nicht immer als verlorene Zeit betrachtet werden. 


Oft kann das Warten eine Gelegenheit sein, sich zu informieren, zu beobachten, zu reflektieren und daran zu wachsen – oder einfach nur den Moment zu geniessen.


In einer Welt, in der wir im Minutentakt leben, ist Warten eine Kunst, die subtil und gleichzeitig kostbar geworden ist. 


Erinnern wir uns etwa an das spannungsvolle Warten (hoffentlich ohne kalte Füsse) vor dem Traualtar, die Kindernase, die sich sehnsüchtig an die Fensterscheibe drückt, während der Pöstler mit dem Päckli erwartet wird oder die «wartende» Vorfreude auf die lang ersehnten Ferien.


Wenn wir dem Warten erlauben, uns zu lehren, werden wir belohnt. 


Geduld schenkt uns Gelassenheit und die Fähigkeit, die kleinen Freuden des Augenblicks zu schätzen, ja neue Perspektiven zu entdecken – selbst beim Shopping-Marathon mit der reizenden Gemahlin.


Das liebe Warten kann ein versteckter Schatz sein, den wir erst erkennen, wenn wir ihn öffnen. Er zeigt uns Tugenden, die in einer Welt von «sofort, subito et tout de suite!» schnell übersehen werden. Denn die wirklich guten Dinge brauchen eben meist etwas Zeit…     Sarah Utzinger