Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 07.07.2021

Thurgau leistet Pionierarbeit

Corona hat Folgen: Kanton schickt Pandemieplan in Vernehmlassung

Der Thurgau hat den schweizweit ersten kantonalen Pandemieplan erarbeitet, der die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umsetzt, wonach sich Pandemiepläne nicht nur auf Grippepandemien fokussieren sollen. Die detaillierte Risikomatrix hat ebenfalls Pioniercharakter.

 

 

Dieser neue Pandemieplan wurde am 1. Juli in die externe Vernehmlassung geschickt und hat ein Ziel: «Wir wollen besser vorbereitet sein auf eine nächste Pandemie», sagte Regierungsrat Urs Martin. Zusammen mit Thomas Zeltner, dem ehemaligen Direktor des Bundesamts für Gesundheit und Interims-CEO der WHO-Stiftung sowie Karin Frischknecht, Chefin des kantonalen Amts für Gesundheit, informierte er in der Adler Passage zum Thema.

Mutig und offensiv
Thomas Zeltner sprach von einem mutigen Unterfangen, während einer Pandemie den eigenen Pandemieplan zu überarbeiten. «Aber es war richtig, denn je näher man dran ist, umso besser kann man die Erkenntnisse einfliessen lassen». Zeltner bezeichnete den Thurgauer Pandemieplan als schweizweit ersten, der die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umsetzt, wonach sich Pandemiepläne nicht nur auf Grippepandemien fokussieren sollen.

Schematische Darstellung
Eine weitere Besonderheit des Thurgauer Pandemieplans ist die Risikomatrix. «Ich bin sicher, dass sich die anderen Kantone daran orientieren werden», sagte Zeltner weiter. Die schematische Darstellung der möglichen Übertragungswege von Mikroorganismen und zugehörigen Schutzmassnahmen im Pandemieplan soll helfen, potenziell gefährliche Mikroorganismen – auch die, die noch nicht bis ins Detail erforscht sind – schnell einzuteilen und gesundheitsrelevante Schutzmassnahmen anzuordnen. Hochkomplexes Ereignis Der Pandemieplan Thurgau ist als ein möglichst einfaches Instrument zur Pandemiebewältigung gedacht. Er orientiert sich an kantonalen Führungs- und Organisationsstrukturen und passt diese an die Besonderheiten von pandemischen Lagen an. Dabei will der Thurgau – ebenfalls als erster Kanton – das «One-Health-Prinzip» umsetzen. Dieses bezeichnet den Ansatz zur engen Zusammenarbeit zwischen Veterinär- und Humanmedizin. Dies ist deshalb wichtig, weil gemäss aktuellen Erkenntnissen «praktisch alle Pandemien ihren Ursprung in der Übertragung von Viren und Bakterien von Tieren auf Menschen haben», sagte Zeltner weiter.

Grosse Bedeutung
Dabei ist diese Zusammenarbeit gerade in der Pandemie Voraussetzung für die Erhaltung und Förderung der Gesundheit von Mensch und Tier, für die Einsparung von Ressourcen und den Erhalt einer intakten Umwelt. Regierungsrat Urs Martin: «Pandemien sind heute nicht mehr nur für die Akteure im Gesundheitswesen eine grosse Herausforderung. Es sind komplexe hochpolitische Ereignisse mit enormem Einfluss auf sämtliche Teile der Gesellschaft. Da gilt es auch, sich das Vertrauen der Bevölkerung zu erarbeiten und zu erhalten». Dieses Vertrauen in die Behörde sei «generell gross», wobei die Öffentlichkeit bei solchen Ereignissen zudem immer auch eine Bezugsperson brauche.

Universell anwendbar
Der Pandemieplan umfasst gemäss Karin Frischknecht rund 100 Seiten und ist als Handbuch zu verstehen, das universell angewandt werden kann. Im Hauptteil umfasst er verschiedene Handlungsfelder. Dazu gehören nebst der medizinischen Versorgung, den Schutzkonzepten und Schutzmaterialen oder der Testung und Impfung insbesondere auch die mentale, soziale und psychische Gesundheit. Hinzu kommen Handlungsfelder wie die betriebliche Vorbereitung oder die Kommunikation. Alle Unterlagen zum Pandemieplan sind im Internet einsehbar.

Andreas Anderegg

www.vernehmlassungen.tg.ch


Gesetzlicher Auftrag
Das Epidemiengesetz schreibt dem Bund und den Kantonen Vorbereitungsmassnahmen für Pandemiefälle vor. Dazu gehört die Erarbeitung von Einsatz- und Notfallplänen, die als Grundlage für die Vorbereitung zur Bewältigung einer Pandemie in der Schweiz dienen. Vor rund einem Jahr hat der Regierungsrat den Auftrag erteilt, den kantonalen Pandemieplan neu zu erarbeiten. Unterstützt wurde die Projektgruppe von Thomas Zeltner, dem langjährigen Direktor des Bundesamts für Gesundheit und Interims-CEO der WHO-Stiftung. Nun wurde der Entwurf des Pandemieplans vom Regierungsrat in eine externe Vernehmlassung geschickt. 
(aa)


Bis 31. Oktober
Die externe Vernehmlassung des kantonalen Pandemieplans startete am 1. Juli und endet am 31. Oktober 2021. Eingeladen zur Teilnahme sind politische Parteien, Spitäler, Ärzte und Apotheken inklusive deren Verbände und zahlreiche weitere Institutionen. Nach der Prüfung der Stellungnahmen folgt die Überarbeitung des Pandemieplans. Ziel des Regierungsrates ist es, den neuen Pandemieplan Anfang 2022 in Kraft setzen zu können. Danach wird dieser Plan auf Anordnung des Gesamtregierungsrates im Vier-Jahres-Rhythmus oder aufgrund einer Gesetzesrevision auf dessen Anwendbarkeit und Aktualität überprüft. 
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