Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 13.01.2021

Gesellschaftsmahl fällt aus

Corona-Virus beeinträchtigt die Tradition der Frauenfelder Bürger

Erstmals in der langen Geschichte der Frauenfelder Stadtbürger findet am Bechtelistag kein Gesellschaftsmahl statt – das gemeinsame Essen am dritten Montag im Januar fällt in diesem Jahr dem Corona-Virus zum Opfer.

 

 

Ehrenbürger Angelus Hux, langjähriger Bürgerschreiber und als versierter Kenner der Frauenfelder Stadtgeschichte auch Verfasser zahlreicher Bücher, bestätigt es: «Ich habe nachgeforscht, wie man in Kriegs- und Krisenzeiten mit dem Bechtelistag in Frauenfeld umging. Soweit ich sehe, hat man das Gesellschaftsmahl nie ausfallen lassen.» In den Hungerjahren 1816/17 wurden die Rationen gekürzt und jeder Teilnehmer musste einen Beitrag zahlen. «Im Jahr 1915 bewilligte der Regierungsrat die Durchführung sogar ausdrücklich, obschon er vorher alle Tanzbelustigungen und Freinächte verboten hatte».

Lebhafte Tradition
Zwei Jahre später – 1917 – musste die Brotration auf 100 Gramm reduziert werden und in den beiden folgenden Jahren 1918 und 1919 mussten «Selbstversorger» das Brot sogar selber mitbringen – weiss Angelus Hux weiter zu erzählen. In den Kriegsjahren 1942 und 1943 wurde das Bechtelismahl gar auf den Sonntag vorverlegt, weil der Montag in der ganzen Schweiz ein «fleischloser Tag» war. «Selbstverständlich mussten Rationierungsmarken mitgebracht werden». Und nun, offenbar zum ersten Mal in der langen Geschichte, wird 2021 das Gesellschaftsmahl ausfallen – «leider», sagt Angelus Hux mit Bedauern.

Tag der Rechnungsabnahmen
Für viele ist der Bechtelistag in Frauenfeld jeweils auch der Beginn der Fasnachtszeit, weil in der nachfolgenden «Nacht der Nächte» auch Maskentreiben herrscht. Dies ist historisch betrachtet allerdings falsch (siehe Box). Denn der Bechtelistag ist in erster Linie der Tag, an dem die Mitglieder der Bürgergemeinde, die vor der Verfassungsänderung im Jahr 1870 die Trägerin des öffentlichen Rechts war, die Rechnungen des vorangegangenen Geschäftsjahres abnehmen. Dies geschieht vielerorts am Berchtoldstag am 2. Januar, die Frauenfelder Bürger hatten dies per 1875 aber auf den dritten Montag im Januar verlegt. Weil so mehr Zeit bleibt für die Rechnungsabschlüsse.
Weniger klar ist hingegen, weshalb die Bürgergemeinde bei der Namensnennung «Bechtelistag» seit Jahrzehnten auf das «r» verzichtet. Im Gegensatz dazu reden die Trinkgesellschaften in den alten Frauenfelder Ortsteilen – wohl in Anlehnung an den Berchtoldstag – vom «Berchtelistag».

Versammlungen, Gesellschaftsmahl
Am Bechtelistag erfolgt im Anschluss an die allgemeine Bürgerversammlung am Montagmorgen im Rathaus jeweils die Versammlung jener Bürger, die Mitglieder der Konstablergesellschaft sind. Am Abend steht dann alles im Zeichen von Geselligkeit, treffen sich die Konstabler und Ansassen (Nicht-Bürger, auch Schamauchen genannt) doch zum Gesellschaftsmahl in verschiedenen Lokalitäten. Traditioneller Bestandteil ist dabei die Salzisse, eine Kreation der Frauenfelder Metzgermeister. Diese Wurst wird zusammen mit Brot, Salaten, Senf und Wein serviert. Im Anschluss an das Essen werden jeweils Reden geschwungen und unterhaltsame Beiträge geboten. Später am Abend werden die Türen auch für die Allgemeinheit geöffnet. Zudem ist Freinacht angesagt.
Die Wurzeln des Bechtelistags reichen ins 13. Jahrhundert zurück. Schon kurz nach der Gründung von Frauenfeld im Jahr 1246 (Ersterwähnung) formierte sich die «Constaffelgesellschaft», die Vorgängerin der heutigen Konstablergesellschaft Frauenfeld.

Hoher Stellenwert
Und ganz zum Schluss: Obwohl die Bürgergemeinde Frauenfeld seit nunmehr 150 Jahren nicht mehr Trägerin des öffentlichen Rechts ist, hat sie über die Jahrhunderte nichts von ihrer Bedeutung eingebüsst. Im Gegenteil. Mit über 360 Hektaren Wald ist sie die grösste Waldbesitzerin der Region und zugleich Eigentümerin von Liegenschaften wie dem Rathaus, in dem die Stadtverwaltung eingemietet ist. Auch hatte die Bürgergemeinde Frauenfeld im Jahr 1999 im Rahmen eines Landtausches mit der Eidgenossenschaft (VBS) beispielsweise das rund 60 Aren grosse Grundstück zwischen Stadtkaserne und «Schweizerhof» erworben, um es der Bevölkerung längerfristig für eine zentrumsgerechte Nutzung zur Verfügung stellen zu können.

Andreas Anderegg


Vorboten der Fasnacht
Seit wann am Bechtelistag auch Maskentreiben herrscht, kann historisch nicht klar bestimmt werden. Gemäss Angelus Hux geht aus Protokollen hervor, «dass im Jahr 1901 im Rathaussaal anständige Masken geduldet waren». Waren es anfänglich die drei traditionellen Bechtelisfiguren «Chellewyber», «Karawatschler» und «Wilde Maa», so wurden die Grenzen der Maskierungen über die Jahrzehnte hinweg gesprengt. 1970 dann wurde von einem Komitee, an dem auch die Konstablergesellschaft beteiligt war, das Prämieren der schönsten Masken eingeführt. Seither müssen sich die maskierten Personen jeweils in bestimmten Lokalitäten zeigen, um bewertet werden zu können. Diese Prämierung findet noch heute jeweils nach Mitternacht im Rathaus statt – seit vielen Jahren zeichnet hierfür die Narrengesellschaft Murganesen verantwortlich.
(aa)


Trinkgesellschaften gegründet

Bei der Stadtvereinigung im Jahr 1919, als sich die Ortsgemeinden Frauenfeld, Herten, Horgenbach, Huben, Kurzdorf und Langdorf zur Munizipalgemeinde Frauenfeld zusammenschlossen, fusionierten auch die Bürgergemeinden. Um dennoch eine gewisse Eigenständigkeit zu wahren, wurden in den ehemaligen Ortsgemeinden so genannte Trinkgesellschaften gegründet – zur Pflege der Geselligkeit. So die Erchinger Gesellschaft, die Konstablergesellschaft Kurzdorf, die Konstablergesellschaft Herten sowie die Alte Bürgergemeinde Huben. Allerdings treffen sich nicht alle dieser Vereinigungen im jährlichen Turnus. Daneben gibt es in Frauenfeld auch drei Schamauchen-Gesellschaften: Die Altstadt-Schamauchen, die Schamauchen Kurzdorf und die Schamauchen Langdorf, die als Einzige auch weibliche Mitglieder haben.
(aa)