Frauenfelder Woche

Frauenfeld · 27.09.2017

Heinz Bernhard gewinnt den Oskar!

Wir riefen im «Chnuri» unter dem Titel «Schneller, schöner, weiter…» dazu auf, uns (D)eine sportliche «Selbstüberwindungs-Story» zu schicken. Die Geschichte, die uns Heinz Bernhard zuschickte, hat die Redaktion fasziniert, aber auch eindrücklich mittleiden lassen.

 

 

Deshalb gewinnt er den Selbstüberwindungs-Preis ohne wenn und aber! Mit dem Oskar erhält er einen Gutschein von Sport-Box Frauenfeld im Wert von Fr. 120.–.


Hier seine Geschichte:

Die doch noch belohntenLeiden von Heinz Bernhard

Eigentlich wollte ich nach zwei unglücklichen Teilnahmen am Trans­swiss-Triathlon (3,5 km schwimmen, 225 km Velofahren, 46 km rennen) nichts mehr von einem Ultra-Wettkampf wissen.
Doch am 20. Juni 1997 checkte ich um 10.00 Uhr in Greifensee ein und bestieg mit 800 anderen «Angefressenen» einen der beiden Extrazüge nach Tenero. Eigentlich hatte ich ein gutes Gefühl, da ich in den letzten 4 Monaten 60 Kilometer geschwommen bin und 2000 Velokilometer in den Beinen hatte. Nur das Laufen musste ich nach einer Verletzung auf 100 Kilometer beschränken. Gegen die hartnäckigen Muskelkrämpfe beugte ich mit einer Magnesiumkur vor.
Samstag 21. Juni, der längste Tag des Jahres, aber auch mein längster Tag. Tagwache 03.30 Uhr. Nach dem Morgenessen musste um 05.15 Uhr auf dem Schiff, welches uns nach Locamo zum Schwimmstart fuhr, eingecheckt sein. Um 06.00 Uhr sprangen 761 Triathleten ins Wasser des Lago Maggiore, um die 3,5 Kilometer lange Strecke zurück nach Tenero zu schwimmen. Irgendwie fand ich bei knapp 19 Grad einfach den Rhythmus nicht und unterwegs öffnete sich noch der Reissverschluss des obligatorischen Wärmeanzuges. Versuchen sie mal im Wasser einem Reissverschluss auf dem Rücken zu schliessen! Nach 1 Std. und 30 Minuten hatte ich es geschafft. Dafür begann es jetzt von oben nass zu werden und das sollte den ganzen Tag so sein. Vor lauter Zähneklappern konnte ich praktisch nichts essen. Also stieg ich aufs Velo und fuhr 1 Stunde, bis ich mich an einem regengeschützten Ort verpflegte.
Weiter ging es über Biasca nach Faido zum ersten Kontrollposten. Bananen hatte es schon keine mehr. Zum Glück hatte ich selber welche bei mir. Die Getränkebidons auffüllen, eine Salztablette schlucken und ab Richtung Gotthardpass.
Auf der alten Gotthardstrasse (Tremola) mit den unzähligen Kehren und den lückenhaften «Bsetzisteinen» sah man vor lauter Dunst und Regen nicht einmal die nächste Kehre. So quälte ich mich immer höher. Es war 12.45 Uhr, als ich auf der Passhöhe beim Kontrollposten ankam. Das Thermometer zeigte höchstens 5 Grad und es goss in Strömen. Im Zelt stand der Koffer mit den warmen trockenen Kleidern. Nach einer kurzen Pause und einem feinen Risotto (eigentlich habe ich Risotto nicht gern), ging es den Gotthardpass hinunter. Man musste die engen Kurven mit viel Gefühl anfahren. Bei der Tellsplatte war der nächste Kontrollposten, wo auch die Kleider gewechselt werden konnten. Das nächste Hindernis war der Sattel (nicht der Velosattel, sondern der Bergübergang vom Vierwaldstättersee zum Zürichsee). Da begann jeweils meine Leidenszeit mit Krämpfen. Kurz vor Schindellegi, um 17.00 Uhr, entwich die Luft im hinteren Reifen. Ich verlagerte das Gewicht auf das Vorderrad und fuhr so noch 1 km bis zum Posten. Mit neuem Schlauch und etwas Banane im Bauch ging es weiter über den Rapperswiler Damm Richtung Männedorf, wo nach 200 Velokilometern ein happiger Aufstieg über den Pfannenstiel folgte. Zwei Jahre zuvor sass ich hier schon im Besenwagen. Es fehlten 20 Kilometer bei Gegenwind und strömendem Regen bis zur Wechselzone in Greifensee. Zeit 18.50 Uhr.
Jetzt hiess es umziehen, etwas essen und ab in die Massage. Gleich drei Masseurinnen kneteten meine strapazierten Beine und den schmerzenden Rücken. Dann nahm ich die letzte Teilstrecke dieses Triathlons, 46 Kilometern zu Fuss bis an den Rheinfall, in Angriff. Bis Kilometer 17 in Lufingen konnte ich praktisch alles rennen. Hier musste ich vor 4 Jahren nach einem Schwächeanfall aufgeben. Eine heisse Bouillon sollte mir diesmal wieder Kraft geben, doch mein Magen war nicht einverstanden damit. Mittlerweile war es 21.30 Uhr geworden und die Taschenlampe musste mir den Weg zeigen. Wegen des Dauerregens waren die Feldwege knöcheltief. Ich fing an vor mich hin zu singen. Im Dunkel sah ich die Tössegg auftauchen, der nächste Posten. Es war 22.30 Uhr ich hatte noch 3 ½ Stunden Zeit.
Jetzt kam der schlimmste Teil der Laufstrecke. Ein Abhang durch den Wald über Wurzeln und Steinbrocken, Treppe rauf, Treppe runter. Wenn hier die Lampe versagt hätte, ich glaube mein Licht wäre hier auch ausgegangen. 40 Minuten benötigte ich für diese drei Kilometer. Vor Rheinau verpasste ich eine Abzweigung. Zum Glück endete der Weg nach kurzer Zeit an einer Mauer. Was ich dort in die Nacht hinausgebrüllt habe, will ich nicht schreiben. Es ging weiter eine steile Treppe hinauf zum Kontrollposten Rheinau.
Ein Blick auf die Uhr bestätigte mir, ich hatte nocj eine Stunde Zeit für die letzten 5 Kilometer. Über die Rheinbrücke führte der Weg über Deutsches Gebiet. Zum Glück war kein Zöllner mehr da, mein Gesicht hätte mit dem auf der ID nicht mehr übereingestimmt. Es ging nun happig den Berg hinauf und als ich den Schweizerzoll sah, wusste ich: Jetzt schaffst du es. Es war ein sehr bewegender Augenblick. Tränen der Freude und der Erleichterung. Die Uhr zeigte 01.48 Uhr an, als ich die Ziellinie überquerte und vom tosenden Applaus des Rheinfalles empfangen wurde. 19 Stunden und 48 Minuten war ich unterwegs und war stolz. Ich gehörte zu den «Finishern». Gestartet waren 761 Teilnehmer, bis Kontrollschluss kamen 660 am Ziel an.

Heinz Bernhard